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Freitag, 10.02.2012
Das Rätsel des linkshändigen Pianisten
Sind Linkshänder kreativer?

Die Spanne der linkshändigen Musiker reicht von Carl Philipp Emanuel Bach über Ludwig van Beethoven und Maurice Ravel bis zu Paul McCartney, Bob Dylan, Jimi Hendrix und Kurt Cobain. Es scheint, als wenn auch in den Rängen der Komponisten, Interpreten, Sänger oder Bandleader überproportional viele „Lefties“ vertreten sind. Aber stimmt das tatsächlich? Oder gehört auch dies, wie so vieles in das Reich der Linkshändermythen?

Wolfgang Amadeus Mozart soll Linkshänder gewesen sein 
Wolfgang Amadeus Mozart soll Linkshänder gewesen sein
© rechtefrei  Wolfgang Amadeus Mozart soll Linkshänder gewesen sein
Ein moderner Mythos
Nach Ansicht der meisten Wissenschaftler ist die größere Kreativität der Linkshänder tatsächlich ein moderner Mythos. „Wenn Sie sich die Linkshänderseiten im Internet angucken, dann finden sie dort ellenlange Listen berühmter Linkshänder“, erklärt Biospychologe Onur Güntürkün von der Universität Bochum in einem Interview mit dem Deutschlandradio. „Zum Beispiel Paul McCartney ist Linkshänder – aber für jeden linkshändigen Paul McCartney finden Sie neun rechtshändige berühmte Popmusiker. Man müsste beweisen, dass es überdurchschnittlich viele kreative Linkshänder gibt - und da fehlt einfach die Datengrundlage.“

Und auch die Neurologen sehen keine klaren Belege für ein links = kreativ: Nur weil viele der künstlerischen Fähigkeiten in der rechten Gehirnhälfte lokalisiert sind, heißt das noch lange nicht, dass jeder Linkshänder eine Mozartsche Sonate komponieren oder ein Sonett wie von Shakespeare dichten kann, das betont auch David Wolman, Autor des Buchs „A left hand turn around the world“: „Der große Mythos ist, dass die rechte Gehirnhälfte irgendwie der Sitz der Kreativität ist. Aber wir brauchen Ressourcen aus beiden Hälften unseres Gehirns um kreativ zu sein.“

Stark und schwach statt rechts und links?
Genau dieser Austausch zwischen den beiden Gehirnhälften beschäftigt auch Stephen Christman, Psychologe der Universität von Toledo in Ohio, USA. Er hat in der Frage Händigkeit und Kreativität allerdings einen ganz eigenen Erklärungsansatz. Für ihn geht es dabei gar nicht um rechts oder links, sondern vielmehr um den Grad der Händigkeit: „Wir haben den Händigkeits-Kuchen komplett falsch aufgeteilt“, konstatiert er 2006 im Magazin New Scientist. Zu dieser Erkenntnis kam er, als er in den 1990er Jahren die Gehirnanatomie und Händigkeit von Berufsmusikern verglich, die unterschiedliche Instrumente spielten.

 Geige spielen erfordert enge Zusammenarbeit beider Hände
Geige spielen erfordert enge Zusammenarbeit beider Hände
© SXC  Geige spielen erfordert enge Zusammenarbeit beider Hände
Seine Ausgangstheorie dabei: Bei Instrumenten, die ein koordiniertes Agieren beider Hände erfordern, wie beispielsweise Geige oder Cello, müssten Linkshänder überrepräsentiert sein. Denn diese, so hatte er in einer Studie seiner Kollegin Sandra Witelson von der McMaster Universität in Kanada gelesen, haben einen stärker ausgeprägten Corpus callosum, ein kabelartiges Nervenbündel, das beide Hirnhemisphären miteinander verbindet. Eine verbesserte Kommunikation beider Gehirnhälften, so Christmans Annahme, müsste daher auch der Koordination der Hände bei den Violonisten zugute kommen.

Kommunikation der Gehirnhälften entscheidend?
Der Kunstfertigkeit von Pianisten oder Schlagzeugern dürfte der nach Witelson bei Rechtshändern schwächer ausgeprägte Balken dagegen keinen Abbruch tun, da diese ohnehin beide Hände relativ unabhängig voneinander, manchmal sogar gegenläufig bewegen. Folglich erwartete Christman bei seinen Studien auch mehr Rechtshänder unter diesen Musikern. Doch seine Ergebnisse passten vorne und hinten nicht. Siezeigten hier keinerlei Korrelation. Sollte er sich komplett geirrt haben?

Das große Aha-Erlebnis folgte, als sich der Psychologe noch einmal die genauen Ergebnisse des Edinburgh Händigkeitstests für seine Versuchspersonen anschaute. Es zeigte sich, dass seine vermeintlich reinen Linkshänder keineswegs alles mit links machten, sondern für viele Tätigkeiten durchaus auch die rechte Hand nutzten.

Also warf Christman noch einmal alles über den Haufen und entwickelte einen ganz anderen Ansatz: War es vielleicht nicht die Linkshhändigkeit an sich, die eine engere Verbindung beider Hirnhälften förderte, sondern vielmehr die Flexibilität im Einsatz beider Hände? Hatte womöglich auch Witelson ihre Ergebnisse falsch interpretiert und den größeren Balken nicht bei Linkshändern sondern eher Mischhändern gefunden?

Um das herauszufinden, begann er eine neue Studie und verglich nun „Starkhänder“-Musiker, die ausschließlich eine Hand - egal ob die rechte oder linke - für alles einsetzten, mit solchen, die im Einsatz ihrer Hände flexibler waren , den „Mischhändern“. Und tatsächlich zeigte sich diesmal eine eindeutige Korrelation: Unter Pianisten, Keyboardern oder Schlagzeugern dominierten die Starkhänder, unter den Violonisten und Cellisten dagegen die Mischhänder.

Viele Hypothesen, keine eindeutigen Beweise
Doch noch ist Christmans Hypothese weit davon entfernt, allgemein anerkannt zu sein. Zu dünn ist die Datenlage für diese Korrelation und zu wenig erforscht der Zusammenhang von Balkendicke und Händigkeit – egal ob stark- und mischhändig oder rechts und links.

„Ich denke wir brauchen einfallsreiche Theorien“, kommentierte Michael Corballis, Psychologe der Universität von Auckland in Neuseeland die Lage der Händigkeitsforscher gegenüber dem Magazin „New Scientist“. „ Und Christman setzt die Dinge auf interessante Art und Weise zusammen.“ Ob allerdings dieser Ansatz nicht nur interessant, sondern auch zutreffend ist, wird sich wohl noch zeigen müssen. Zurzeit jedenfalls herrscht an Hypothesen kein Mangel, an eindeutigen Belegen dagegen schon.

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