• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Dienstag, 16.01.2018
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Im Tal der Ex-Mudschaheddin

„Wir wollen unser Land aufbauen“

Eine Straße in der Provinz Takhar, im Nordosten Afghanistans. Bauarbeiter laufen mit Schaufeln und Schubkarren hin und her. Ein Kompressor lärmt. – Rücken an Rücken sitzen zwei Männer auf dem Boden. Der eine hat die Beine gegen einen meterhohen Kalksteinbrocken gestemmt und drückt mit aller Kraft dagegen, der andere stützt seinen Kollegen. Der Kalksteinbrocken bewegt sich nicht. Ein paar Männer helfen mit Stangen nach. Und dann, endlich, der Brocken ruckt. Einer macht sich mit einem Hammer daran, den Felsen zu zerhauen, bis auf Schottergröße. Die Männer schwitzen, sind mit weißem Staub bedeckt. 35 Grad im Schatten und alles Handarbeit – Straßenbau auf afghanisch.

Abdullah Ajisaid, Bauleiter in Warsaj

Abdullah Ajisaid, Bauleiter in Warsaj

Abdullah Ajisaid – 60 Jahre, mit langem weißen Bart und einer flachen Filzmütze auf dem Kopf – steht daneben und sieht zufrieden aus. Ajisaid ist der Bauleiter des 15-köpfigen Trupps.

Bisher war diese Straße – die einzige Verbindung zwischen der Distrikthauptstadt Warsaj und 25 Gemeinden auf dem Südufer des Warsaj-Flusses – nichts weiter als ein breiter Eselspfad, der sich hoch in die Berge windet. Für Autos kaum passierbar, und jedes Jahr wurde sie auf’s Neue durch Steinschläge und Schlammlawinen zerstört.

Deutscher Schwerpunkt im Nordosten


Das soll sich jetzt ändern. Dank des deutschen Wiederaufbau-Programms in Afghanistan wird sie verbreitert und befestigt. In den drei nordöstlichen Provinzen, in Kunduz, Badakhshan und hier in Takhar, sind die Deutschen besonders präsent. Hier hat die Bundeswehr das ISAF-Kommando. Deshalb ist ein Großteil der deutschen Entwicklungshelfer hier im Einsatz. So wie das Team der Entwicklungsorientierten Nothilfe (EON) der GTZ, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Das EON-Team hat Warsaj zu einem Schwerpunkt-Distrikt seiner Arbeit gemacht. Projektleiter Daniel Passon erklärt warum: „Zum einen ist der Distrikt nach Armutskriterien und nach ethnischen Kriterien ausgewählt worden. Und wir wollen Projekt fördern, wo möglichst viele Gemeinden partizipieren.“

Warsaj ist der südlichste Distrikt der Provinz Takhar, eine so genannte „Remote area“, weit abgelegen von Kunduz und Faisabad, den beiden größten Städten im nordöstlichen Afghanistan – und weitaus rückständiger. Weder die Russen noch die Taliban sind jemals in dieses Tal am Nordrand des Hindukusch vorgedrungen. Hier lag eines der Rückzugsgebiete der Mudschaheddin zu Zeiten des russisch-afghanischen Krieges. Ahmed Schah Massud, der letzte Mudschaheddin-Führer, der bei einem Attentat im Jahr 2001 ums Leben kam, wird hier als Volksheld verehrt. Er habe den Mohnanbau verboten, erzählt Bauleiter Ajisaid, und stattdessen Straßen und Schulen gebaut.

Leben wie im Mittelalter


„Ich war unter Ahmed Schah Massud nur ein kleiner Kommandeur. Als wir hier Probleme mit den schlechten Wegen zwischen den Dörfern hatten, hat mich Ahmed Schah Massud vom Dschihad frei gestellt und mir gesagt, ‚Du bist jetzt für den Straßenbau zuständig’, damit die Mudschaheddin ihre Waffen und anderes Material hierher schaffen konnten.“

Aus Ajisaids Mund hört es sich an, als setze die GTZ heute nur fort, was Ahmed Schah Massud begonnen hat – die Entwicklung einer Region, in der die Menschen noch vor wenigen Jahren wie im Mittelalter lebten. Für die Deutschen ist das manchmal befremdlich. Doch Ajisaid, der Gotteskrieger im Ruhestand, ist ein offener, zuverlässiger Mann, einer der Dorfältesten und respektiert.

Auf sein Einverständnis, ob die Straße in Warsaj ausgebaut werden soll, war auch die GTZ angewiesen. Man müsse die Führungspersönlichkeiten in den Dörfern überzeugen, so Daniel Passon. Denn der Rechtsstaat Afghanistan sei für die meisten Dorfbewohner viel zu abstrakt und viel zu weit weg.

Breiter Ansatz, viele Projekte


Die Entwicklungsidee der GTZ in dieser Region ist, die verschiedenen Lebensbereiche aufeinander abgestimmt zu fördern. Schulen, Straßen, Krankenhäuser, Gemeindeverwaltung – alles muss möglichst gleichzeitig und vor allem nachhaltig aufgebaut werden. Denn eines Tages sollen die Afghanen nicht mehr auf die Hilfe von außen angewiesen sein und die Verantwortung für ihre Dörfer selbst übernehmen.

Mit Händen und Füßen - Straßenbau auf afghanisch

Auch die afghanischen Behörden sind von dem Konzept der deutschen Entwicklungshelfer angetan. Breit gefächert, aber räumlich konzentriert zahlreiche kleine Projekte zu ermöglichen, bei deren Umsetzung die Dorfbewohner entscheidend mitwirken, das hält auch Ingenieur Tahir für richtig. Der Bauingenieur arbeitet bei der Provinzregierung von Takhar, er ist der Direktor des Departments für ländlichen Wiederaufbau und Entwicklung .

Eigenverantwortung als Entwicklungsziel


„Was ich für wichtig halte – die Leute tun selbst die Arbeit, wenn ein Projekt umgesetzt wird, zwar mit der Hilfe der GTZ und mit unserem Department. Aber sie arbeiten für sich selbst und sehen – das gehört uns. Das ist ganz wichtig für den Erhalt von Trinkwasser-Anlagen, Schulen oder Hochwasser-Schutz-Dämmen. Die Dorfbewohner fühlen sich selbst verantwortlich für das, was sie erarbeitet haben.“

Auch bei Ajisaid, dem Bauleiter und Ex-Mudschaheddin, ist diese Einsicht längst angekommen: „Als Ahmed Schah Massud umgebracht wurde, waren die Leute sehr aufgebracht und haben selbst gegen die Taliban weitergekämpft. Als dann die Amerikaner kamen, um gegen die Taliban zu kämpfen, und eine neue Regierung in Kabul eingesetzt wurde, waren wir sehr glücklich. Alles was wir wollen ist, unser Land selbst wiederaufzubauen.“

Stand: 25.07.2008
 
Printer IconShare Icon