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Freitag, 10.02.2012
Die Schuldfrage
Schaufeln wir unser eigenes Grab?

Überträger des Hanta-Virus 
Überträger des Hanta-Virus
© CDC
Infektionskrankheiten sind weltweit noch immer die häufigste Todesursache. Aber wer ist schuld daran? Etwa Gott, weil er neben uns auch die Mikroorganismen erschaffen hat? Unerzogene Affen, die einfach Menschen gebissen haben? Ein böser Zufall? Oder ist niemand verantwortlich? Zumindest zum Teil ist der Mensch selber verantwortlich für die Seuchen, die ihn nun wieder heimsuchen. Sicher, die Existenz der Viren und Bakterien haben wir nicht verschuldet, wohl aber teilweise deren rasche Ausbreitung und Möglichkeit zur Mutation.

Vieles könnte verbessert werden, um Infektionskrankheiten schneller und effektiver zu bekämpfen oder einzudämmen. Eines der vorrangigsten Probleme ist natürlich das Geld, vielmehr das Fehlen von Geld. Der weitaus größte Teil aller Infektionskrankheiten hat seinen Ursprung in armen, überbevölkerten Ländern. Der Impfschutz für Diphtherie, Kinderlähmung, Tuberkulose, Masern, Tetanus und Keuchhusten kostet für einen Menschen insgesamt etwa einen Dollar. Trotzdem ist in manchen Regionen der Welt gerade mal eines von fünf Kindern geimpft. Das hat zur Folge, dass viele Menschen an Krankheiten sterben, die leicht durch entsprechende Hygienevorrichtungen oder Seren ausgemerzt werden könnten. Pest, Cholera und Tuberkulose sind solche typischen Armutskrankheiten.

Auch der Beginn einer sich neu ausbreitenden Infektionswelle wäre viel früher erkennbar, wenn entsprechend mehr Geld in präventive Maßnahmen investiert würde. Im anfänglichen Stadium sind die meisten Seuchen erheblich leichter einzudämmen. Hätten wir die Gefahren von Aids erkannt, bevor es sich auf die ganze Welt ausbreitete, wäre uns möglicherweise viel erspart geblieben. Vielleicht aber auch nicht. Länder wie Indien und Thailand waren vorgewarnt. Es war abzusehen, dass die Seuche früher oder später aus Afrika herüber kommen würde. Trotzdem wurde versäumt, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und das Virus konnte sich beinahe ungehindert ausbreiten.

Gefahr aus dem Regenwald
Und täglich warten neue Viren und Bakterien darauf, einen geeigneten Wirt zu finden und eine neue Seuche auszulösen. Forscher schätzen, dass etwa im tropischen Regenwald Dutzende bisher unbekannte Erreger lauern. In den 60er Jahren fand man nach dem Bau einer Fernstraße in Brasilien im Blut der beteiligten Arbeiter Virusarten, die zuvor noch niemand gesehen hatte. Zunehmende Brandrodung und Ansiedlung neuer Zuwanderer bedingen ähnliche Risiken. Und zum Ausbruch der jüngsten Marburg-Epidemie kam es, weil Menschen sich während eines Bürgerkrieges auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage in den Dschungel aufmachten. Dort wurden sie von Fledermäusen infiziert.

Diese Dschungel-Geschichten klingen nun wieder so, als könne dies keine Gefahr für uns Einwohner von Industrienationen bedeuten. Ein Beispiel aus dem USA belehrt uns eines Besseren: In einigen Staaten erkrankten plötzlich ein paar Menschen am Hanta-Virus. Die Menschen lebten schon lange dort, hatten keine Tropenreise hinter sich und waren durch keinen Urwald gewandert. Die Übertragung erfolgte durch die einheimische Feldmaus. Auch die war schon seit Jahrzehnten dort heimisch, nie gab es Probleme. Erst eine Veränderung des Mikroklimas, die mildere Winter zur Folge hatte, verursachte einen Populationszuwachs der Mäuse. Damit stieg die Gefahr, dass ein Mensch von einer Feldmaus gebissen wurde oder mit deren Ausscheidungen in Kontakt kam. Eine neue Infektionskrankheit war geboren - mitten in den USA. Auch BSE hätte sich niemals so rapide ausbreiten können, wenn die Rinder nicht mit Tiermehl gefüttert worden wären, anstatt ihre vegetarische Lebensweise weiter zu verfolgen.

Sogar der medizinische Fortschritt ist nicht ganz unschuldig an der Ausbreitung von Krankheiten. Bei Organtransplantationen etwa wird das Immunsystem des Empfängers geschwächt, um eine Abstoßung zu vermeiden. Infolgedessen können Cytomegalieviren, die bei intaktem Immunsystem ungefährlich sind, tödliche Infektionen auslösen. Dasselbe Phänomen tritt bei Chemotherapie an Krebspatienten auf.

Schneller, höher, weiter: Im Zuge der zunehmenden Globalisierung können sich auch die bisher auf die Tropen beschränkten Infektionskrankheiten bequem in klimatisierten Flugzeugen um die ganze Welt verbreiten. Was sich anhört wie unrealistische Panikmache, ist tatsächlich schon mehr als einmal geschehen. 1992 etwa landete in den hygienisch gewappneten und medizinisch versorgten USA ein Flugzeug. An Bord: Etwa 50 Brasilianer und eine Krankheit - Cholera. Eingeschleppt über einen Zwischenstopp zum Tanken in Peru. Die letzte Cholera-Epidemie in den USA lag bereits über 100 Jahre zurück.

Dieses Beispiel zeigt, dass es sich bei den Infektionskrankheiten um ein globales Problem handelt. Mikroben halten sich weder an Einwanderungsbeschränkungen noch an Pass-Kontrollen. Es wird Zeit, dass auch die reichen Länder des Nordens die mikrobielle Gefahr erkennen und entsprechend handeln.

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