Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 09.02.2010
Nachholbedarf beim ganzheitlichen Ansatz
Das Prinzip der Systembiologie

Um diese Regeln zu verstehen, müssen biologische Systeme in ihrer Ganzheit untersucht werden, von den einzelnen Komponenten bis hin zu kompletten Netzwerken. Dieser Ansatz, auch Systembiologie genannt, ist nicht einfach und bei weitem nicht so fortgeschritten, wie die Studien zu einzelnen Genen und Proteinen. Das beruht zum Teil auf einem Mangel an Informationen über die einzelnen Komponenten und ihre Vernetzung. Die Systemanalyse wurde jedoch auch von einer reduktionistischen Einstellung gebremst, die von frühen genetischen und biochemischen Studien herrührt und sich in dem Satz „ein Gen (oder ein Protein) – eine Funktion" ausdrückt.

Bausteine der Systembiologie 
Bausteine der Systembiologie
© NIH  Bausteine der Systembiologie
Protein-Funktionsgefüge komplexer als gedacht
In ersten genetischen Untersuchungen hatte man in der Tat festgestellt, dass durch das Inaktivieren eines Gens eine Zellfunktion komplett ausgeschaltet werden kann. Das trifft für einige menschliche Krankheiten zu; auch biochemisch kann man in vielen Fällen eine enzymatische Funktion eindeutig einem einzelnen Protein zuordnen. In den letzten Jahren ist es aber klar geworden, dass der Großteil der biologischen Funktionen in einer Zelle nicht von einzelnen Proteinen, sondern von großen Multiprotein-Komplexen und Netzwerken ausgeführt wird.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Suche nach einem Gen, das für ein komplexes Phänomen wie Intelligenz oder Sprache kodieren soll, irreführend. Und obwohl sich sicher viele Gene finden lassen, die Intelligenz oder Sprache beeinflussen, werden wir nie komplexe Funktionen oder Krankheiten verstehen können, wenn wir nicht versuchen, biologische Systeme als Ganzes zu beschreiben.

Hilfe durch Computertechnik
Die Lösung der Probleme, vor denen die Systembiologie steht, wird nicht nur Biologen, sondern auch Physiker und Mathematiker noch viele Jahrzehnte beschäftigen. Die meisten biologischen Netzwerke bestehen aus Dutzenden, manchmal aus Hunderten von Proteinen, und bei ihrer Analyse stößt die menschliche Vorstellungskraft schnell an ihre Grenzen.

Hinzu kommen quantitative Werte, die bei komplexen Netzwerken eine große Rolle spielen: Selbst wenn jedes einzelne Protein in einem Netzwerk nur in einem aktiven oder inaktiven Zustand existierte, wächst die Zahl der möglichen Zustände im Netzwerk exponentiell mit der Anzahl der Komponenten, sodass der eigentliche Zustand in der Zelle von einer feinen Balance aller Proteinaktivitäten des Netzwerks bestimmt wird.

Aus diesem Grund muss die moderne Biologie immer öfter bei der mathematischen Beschreibung der Netzwerke und bei Computersimulationen Hilfe suchen, um die Vielfalt experimenteller Daten in ein System einzubringen und das Verhalten der Netzwerke in der Zelle vorherzusagen. Die mathematische Modellierung stellt ihrerseits hohe Ansprüche an biologische Experimente und erfordert viele quantitative Daten, die derzeit nur für sehr wenige biologische Netzwerke vorhanden sind.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Bakterien
Nobody is perfect
Genetik
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Die Grammatik des Lebens
Wie fügt die Natur einzelne Teile zum Großen Ganzen?
Gibt es rein biologische Naturgesetze?
Auf der Suche nach einer „Grammatik“
Nachholbedarf beim ganzheitlichen Ansatz
Das Prinzip der Systembiologie
Darmbakterium als Modell
Chemotaxis von Escherischia coli enthüllt Prinzipien
Extrem optimiert und sehr robust
Die ersten Erkenntnisse zum E.coli-Netzwerk
Natur als sparsamer Designer
Keine ehernen Gesetze sondern evolutiv flexible Regeln
Top-Diaschauen
Asteroid Apophis
2012 und die Maya
Erdbeben
Urahnen des Menschen
Bienen in Bedrängnis
Aktuelle Dossiers
Apophis: Asteroid auf Erdkurs
Einschlag oder knapp daneben? 2029 entscheidet
Vormenschen
Zu Besuch bei Ardi, Lucy & Co
Smarte Etiketten
Auf dem Weg zum “Internet der Dinge”
Der Kommunikations-Code
Die Vielfalt der Sprachen
Klima: Letzte Chance Kopenhagen
Der 15. Weltklimagipfel: Klimaschutz wohin?
Die Erde nach uns
Was bleibt von der menschlichen Zivilisation?
Der Friedhof der Fischsaurier
Eine paläontologische Spurensuche im chilenischen Nationalpark Torres del Paine
Mustererkennung
„Mustergültige Erkenntnis“ in Astrophysik, Musik und Medizin
Mythos „2012“
Die Maya, der 21. Dezember 2012 - und die Fakten
Stahl ganz neu
Rezepte für das Autoblech von morgen