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Freitag, 10.02.2012
Ein Fall von Etikettenschwindel?
Der Trick mit den RECS-Zertifikaten

Einen ganz großen Haken im Geschäft mit dem grünen Strom deckte Anfang Januar 2008 der Spiegel auf: Europäische Stromversorger verkaufen ihren Kunden zum Teil Ökostrom, der nicht aus erneuerbaren Energien stammt, sondern in Atom- oder Kohlekraftwerken erzeugt wurde und über eine Art Ablasshandel quasi „saubergekauft“ wurde.

Wie grün ist Kassels Strom? 
Wie grün ist Kassels Strom?
© SXC/ MMCD  Wie grün ist Kassels Strom?
Wechsel nur auf dem Papier?
Auf diese Weise entpuppte sich auch der Wechsel der Stadt Kassel auf Ökostrom, der Ende 2007 medienwirksam verkündet wurde, weitestgehend als Windei: Die Städtischen Werke Kassel bezogen ihren „Naturstrom“ offenbar keineswegs komplett aus erneuerbaren Energien, sondern lieferten vielmehr Strom aus den gleichen konventionellen Quellen wie zuvor an die ahnungslosen Kasseler Kunden – aber durch den Erwerb von Ökostrom-Zertifikaten nunmehr quasi ökologisch veredelt.

Entgegen der Annahme vieler Verbraucher, die glaubten, nunmehr gezielt Strom aus erneuerbaren Energien zu fördern, wird durch diesen Tausch allerdings keine einzige Kilowattstunde grüner Strom mehr erzeugt. Immerhin widersprachen inzwischen die Städtischen Werke Kassel dem Vorwurf des „Etikettenschwindels“: Gegenüber der „tageszeitung“ erklärte ein Sprecher: „Wir kaufen auch physisch Wasserkraftstrom von Vattenfall in Schweden ein.“

Handelssystem auf europäischer Ebene
Zugrunde liegt dem Gerangel um den „Etikettenwechsel“ ein nach EU-Recht völlig legales und gängiges Verfahren, das so genannte RECS-System, kurz für „Renewable Energy Certificate System“. Das System basiert auf einer Trennung des tatsächlich physikalisch erzeugten Stroms und seinem Umweltnutzen. Für letzteren gibt es Zertifikate, die losgelöst von ihrem physikalischen Gegenpart gehandelt werden können. Sinn des Ganzen sollte es sein, den Handel mit zertifiziertem grünen Strom über Grenzen und Entfernungen hinweg zu erleichtern und zusätzlich die, laut RECS Deutschland, „Diversifizierung der Energieerzeugung“ zu fördern.

Und diese Zertifikate erfreuen sich in der Tat steigender Beliebtheit: Anfang 2000 auf europäischer Ebene gestartet, nehmen inzwischen international rund 200 Mitglieder an diesem Stromzertifikatehandel teil, darunter Energiekonzerne, Umweltverbände und Vereine. Allein innerhalb der zweijährigen Testhandelsphase wurden europaweit insgesamt rund 14 Millionen Zertifikate ausgestellt. Dieses entspricht rund 14 Terawattstunden Energie - vergleichbar mit dem jährlichen Verbrauch einer Stadt wie Paris oder Rom.

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