Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Holzzellen als „Muskelersatz“
Auf der Suche nach Erfindungen der Natur

 Baum im Emirgan Park
Baum im Emirgan Park
© Nevit Dilmen/ GNU FDL  Baum im Emirgan Park
Bäume haben keine Muskeln, wenigstens keine aus Fleisch und Blut. Und doch: Sie stemmen die eigene Last und wachsen dem Himmel entgegen. „Wenn sich ein Zweig zum Ast entwickelt, wachsen Holzzellen, die Muskeln ähneln, um das zunehmende Gewicht zu tragen“, sagt Peter Fratzl, Leiter der Abteilung Biomaterialien des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Golm bei Potsdam. Die Holzmuskeln biegen den Stamm einer Fichte, die auf einem Berghang wächst, senkrecht nach oben. „Wir verstehen jetzt, wie die Bäume das machen“, sagt der Physiker.

Steilvorlagen für Techniker
Mit diesem Wissen haben die Forscher einen künstlichen Muskel entwickelt, den eine Änderung der Luftfeuchtigkeit in Bewegung setzt. Die Entdeckung war kein Zufall: Die Wissenschaftler aus Golm suchen systematisch nach Erfindungen der Natur – Steilvorlagen, die Techniker in neue Antriebe, mikroskopisch kleine Ventile oder leichte und trotzdem robuste Werkstoffe verwandeln können. Für ihre Suche fahren die Wissenschaftler ein Arsenal von Laborgeräten und mathematischen Rechenmethoden auf; denn die Natur lässt sich nicht leicht in die Karten schauen.

Roboter  
Roboter "Cog"
© Sam Ogden, MIT
Fratzl erklärt, warum die Erfindungen der Natur so schwer zu kopieren sind: Dafür seien Organismen viel zu komplex aufgebaut. Beispiel Roboter: „Ihr Gang war früher zackig und wirkte unbeholfen“, sagt Fratzl. „Starre Schenkel und Gelenke reichen nicht aus, um den geschmeidigen Gang des Menschen nachzuempfinden.“ Dieser werde erst durch das ausgefeilte Zusammenspiel von steifen Knochen sowie elastischen Muskeln und Sehnen möglich. „Techniker mussten erst verstehen, welche Rolle die unterschiedlichen Komponenten des Bewegungsapparates spielen, bevor sie einen Roboter bauen konnten, der geht wie ein Mensch.“

Knochen, Muskeln und Äste als Multitalente
Bloßes Kopieren ist noch aus einem anderen Grund selten möglich. „Die Natur bietet aus der Sicht des Ingenieurs nicht immer die beste Lösung“, sagt Fratzl. Zum Beispiel könnte ein Ingenieur auf die Idee kommen, einen Knochen nachzubauen, um ein robustes und gleichzeitig leichtes Material zu gewinnen. Knochen sind aber nicht nur Stützpfeiler für den Körper, sondern dienen gleichzeitig als Ionenspeicher des Körpers und beherbergen das Knochenmark.

 Linde von Linn
Linde von Linn
© Stefan Wernli/ Creative Commons 2.5  Linde von Linn
„Ein und dasselbe biologische Gewebe kann viele Funktionen haben“, sagt Fratzl. Knochen, Muskeln oder Äste sind Multitalente; die Antwort auf eine Unmenge von Problemen, die während der Evolution auf den Organismus einstürmten. „Welchen Umweltbedingungen sich ein Gewebe während seiner Entwicklung anpassen musste, wissen wir nicht“, sagt Fratzl. Der niederländische Bioingenieur Rik Huiskes brachte dieses Problem auf den Punkt: „Wenn Knochen die Antwort sind, wie lautete die Frage?“

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Lernen von der Natur
Bionik
Zoom aufs Atom
Nanotechnologie
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Bäume zeigen Muskeln
Die Natur als Vorbild für neue Materialien
Holzzellen als „Muskelersatz“
Auf der Suche nach Erfindungen der Natur
Wasser gibt Holzmuskeln Kraft
Funktionsprinzip der Holzzellen auf der Spur
Strampeln im Rhythmus von Tag und Nacht
Luftfeuchtigkeit als Hilfsmittel
Wie Schilfhalme im Wasser
Forscher entwickeln aktive Materialien
Strapazierfähiges Dickicht
Wie neue Faserverbundwerkstoffe Schwingungen unterdrücken sollen
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen