Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Einfach schön?
Musikmathematik und das Gesetz des Wohlklangs

Dass die Intervalle bestimmte Stimmungen symbolisieren, ist den Musikern bekannt und wird von ihnen daher bewusst eingesetzt, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Dass der Mensch auf bestimmte Intervalle aber auch mit entsprechenden Erregungsmustern im Gehirn reagiert, hat erst eine Studie gezeigt. Sie wurde im Rahmen eines Projekts durchgeführt, das nichts Geringeres will, als das Gesetz hinter dem Wohlklang auch mathematisch zu beweisen.

Ein Gesetz für alle
 Guerino Mazzola, Mathematiker und Jazzpianist
Guerino Mazzola, Mathematiker und Jazzpianist
© ETH Zürich
Guerino Mazzola, Mathematiker und Jazzpianist, arbeitet seit Jahren daran, das subjektive Erleben konsonanter und dissonanter Klänge objektiv erklärbar zu machen. Bereits Arnold Schönberg, der Begründer der Zwölftonmusik, die das traditionelle Tonsystem aus Dur und Moll auflöst und eine Gleichberechtigung aller Töne, die „Emanzipation der Dissonanz“ einführte, war der Meinung, dass die verschiedenen Tonsysteme auf allgemeinen Gesetzmäßigkeiten beruhen mussten.

Um diesen Gesetzmäßigkeiten auf die Spur zu kommen, nahm sich Mazzola zunächst des Grundbausatzes der abendländischen Musik an, der zwölf Töne einer Oktave. Die Töne teilte er in zwei Gruppen zu je sechs. Rechnerisch gibt es immerhin 924 Möglichkeiten einer solchen Einteilung. Mazzola stellte jedoch fest, dass sechs dieser Aufteilungsweisen durch besondere Symmetrien mathematisch auffällig sind. Er nannte diese sechs Gruppen „starke Dichotomien“.

Der Terzen-Tonus
Die zwölf Töne sind bei Mazzola von 0 bis 11 nummeriert, die sich daraus ergebenden Intervalle untersuchte er in einem speziellen Koordinatensystem – dem „Terzen-Torus“. Das musikalische Intervall der Terz kann in der Praxis aus drei oder aus vier Halbtonschritten bestehen, die kleine und die große Terz. Innerhalb des Terzen-Torus wurden die zwölf Töne nun so angeordnet, dass die jeweils benachbarten Punkte zueinander im Abstand einer Terz stehen – und zwar einer kleinen Terz in eine Richtung und einer großen Terz in die andere.

 Terzen-Torus von Guerino Mazzola
Terzen-Torus von Guerino Mazzola
© Guerino Mazzola
Drei große oder vier kleine Terzen sind in der Summe wieder eine Oktave. So schließt sich das Diagramm Mazzolas zu einer Art „Schwimmreifen“, dem bereits erwähnten Terzen-Torus. Die Abstände der Töne auf diesem Diagramm lassen sich berechnen. Mazzola definierte zwei Größen, nach denen er die Dichotomien, die in zwei Gruppen sortierten Töne, beurteilte. Der „Durchmesser“ ist bei Mazzola die Summe aller Abstände, den die Töne einer Sechsergruppe zueinander haben. Die „Spannweite“ ist die Summe der Abstände aller sechs Töne zu den Tönen, mit denen sie durch bestimmte Symmetrien verbunden sind.

Die Mathematik der Schönheit
Innerhalb der sechs „starken Dichotomien“ gibt es eine Extrem-Variante, die den maximalen Wert aller Spannweiten und den minimalen Wert aller Durchmesser erreicht. Unter den 924 Möglichkeiten hat diese die Nummer 82. Überraschend: In der einen Gruppe bilden die sechs Töne ausschließlich konsonante Intervalle der abendländischen Musik, in der anderen nur dissonante. Die Beziehung der Konsonanten und Dissonanten konnte Mazzola in einer einfachen mathematischen Formel darstellen.

Doch die größte Überraschung des Modells: Es wurde durch eine Studie bestätigt, die die Gehirnströme von Probanden untersuchte, während diese die zwölf musikalischen Intervalle zu hören bekamen. Dabei entstanden zwei verschiedene Erregungsmuster im Hippocampus, die genau den Intervall-Sechsergruppen in Dichotomie Nummer 82 entsprechen.

Auch die Dichotomie Nummer 64 mit den entgegengesetzten Eigenschaften von Nummer 82 – maximaler Durchmesser und minimale Spannweite – fiel besonders auf. Die eine der beiden Intervall-Gruppen vereinte sechs der Töne, die zu den Grundtönen einer C-Dur-Tonleiter gehören, der wir als reinste aller Tonleitern empfinden.

Offenbar scheint das vermeintlich subjektive Gefühl für schöne Musik exakt mit der besten mathematischen Lösung übereinzustimmen, Entweder ist dies Zufall oder das Ergebnis einer Auslese, die während der Jahrhunderte langen Musikgeschichte bestimmte Frequenzen zu den „schönsten“ gemacht hat.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Physik der Musik
Die Wissenschaft hinter dem schönen Klang
Der Ton macht die Musik
Von Wellen, Intervallen und den alten Griechen
Vom tiefen bis zum hohen C
Nur eine Frage der Frequenz
Streng katholisch oder arglos beschwingt?
Tonarten mit Charakter
Einfach schön?
Musikmathematik und das Gesetz des Wohlklangs
Der Klangmeister
Ein Mann sucht den perfekten Raum
High-Tech-Check der Königin
Frischer Wind für Orgelpfeifen
Akupunktur für verstimmte Diven
Nadeln gegen Misstöne
Kampf den namenlosen Ohrwürmern
Der akustische Fingerabdruck
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen