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Freitag, 10.02.2012
Dünger aus der Luft
Warum Schadstoffe auch nutzen können

So umstritten wie der Waldzustandsbericht ist auch der gesundheitliche Ist-Zustand der grünen Lungen Deutschlands. Denn trotz sauren Regens, hoher Ozonwerte, fallender Nadeln und kahler Äste geht es den Bäumen offenbar längst nicht so schlecht wie befürchtet. Dafür sprechen einige Indizien.

Wald in der Eifel 
Wald in der Eifel
© Andreas Heitkamp
Zum Einen gibt es in Deutschland so viel Wald wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Dies hat beispielsweise die letzte Bundeswaldinventur im Jahr 2002 gezeigt. Danach wachsen die Holzvorräte in heimischen Gefilden jedes Jahr ein Stückchen weiter an und haben mittlerweile Rekordwerte erreicht. Mit 3,4 Milliarden Kubikmetern Holz sind sie sogar höher als beispielsweise in Schweden.

Produktivität der Bäume hat zugenommen
Und noch ein Argument spricht gegen einen dahinsiechenden Wald: Die Bäume in Deutschland wachsen erheblich schneller als früher. Dies hat erstmals ein internationales Wissenschaftlerteam um Professor Heinrich Spieker vom Institut für Waldwachstum der Universität Freiburg im Jahr 1996 entdeckt. Die Studie „Growth trends in European forests“ des Europäischen Forstinstituts (EFI) zeigte, dass die Produktivität der Bäume in den letzten Jahrzehnten an vielen Standorten deutlich zugenommen hat.

Mehrere weitere europaweite Untersuchungen in den Folgejahren haben diesen generellen Trend bestätigt. Die ermittelten Wachstumsbeschleunigungen lagen bei Baumarten wie Fichte oder Kiefer zum Teil sogar bei 20 Prozent. „Seit den sechziger Jahren wachsen die Bäume an denselben Standorten deutlich schneller als jemals zuvor, sagte Risto Päivinen, der Direktor des EFI im Jahr 2002 in der ZEIT.

Gegenläufige Entwicklungen registrierten die Waldforscher nur bei extremen Wachstumsbedingungen wie intensiver Luftverschmutzung und extremen Klimabedingungen. Eine Pilotstudie des EFI zu den Gründen für das stärkere Wachstum ergab, dass ein gestiegener Stickstoffeintrag in den Wald – beispielsweise aus dem immer höheren Verkehrsaufkommen -, Ursache für diese Entwicklung sein könnte. Aber auch ein erhöhter CO2-Gehalt der Luft, höhere Temperaturen und Niederschläge kamen nach den Ergebnissen des EFI dafür in Betracht.

Mehr Stickstoff lässt Bäume wachsen
Genauere Aufschlüsse brachte dann im Jahr 2003 das EU-Projekt Recognition. „„Wir wissen jetzt, dass vor allem die Stickstoffeinträge aus der Luft das Baumwachstum beschleunigen“, sagt Päivinen. „Der Anstieg der Temperaturen und des Treibhausgases CO2 scheinen von geringerer Bedeutung zu sein. Allerdings könnte der Klimawandel in der Zukunft die Hauptrolle spielen.“, so Päivinen.

Doch ist ein schneller in die Höhe schießender Baum auch gesünder? Und welche Folgen hat das Wachstum im Zeitraffer für das Ökosystem Wald? "Wenn die Bäume schneller wachsen, dann ist ihr Bedarf an Nährstoffen größer", sagte Spieker im Jahr 2002 im Wissenschaftsmagazin „nano“. "Nicht nur an Nährstoffen, auch der Bedarf an Wasser. Das bedeutet, dass möglicherweise, wenn mehr Nährstoffe dem Boden entzogen werden, hier unter bestimmten Bedingungen ein Engpass entstehen kann, der zu einer Nährstoffverarmung führt." Auf Dauer drohen damit möglicherweise ein langsameres Wachstum oder sogar schwerwiegende Schäden.

 Fichtenwald
Fichtenwald
© Andreas Heitkamp
Solche haben Forstforscher bei der Fichte längst ausgemacht: „Haben es die Fichten wärmer und werden mit Kohlendioxid und Stickstoff gedüngt, wachsen sie zwar schneller, aber ihr Holz wird weicher - so brechen die Bäume leichter im Sturm. Und dann kommen die Borkenkäfer - letztendlich geht es den Fichten also doch wieder schlechter“, so der Professor für Geobotanik am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München in einem Interview mit der Tagesschau im März 2006.

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