Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Wertvolles Instrument oder unbrauchbare Methode?
Pro und Contra Waldzustandsbericht

Er ist das Maß aller Dinge bei der Begutachtung des deutschen Waldes, er liefert jedes Jahr harte Zahlen darüber, wie krank oder gesund die Laub- und Nadelbäume wirklich sind. Und er füttert Politiker und Wissenschaftler, die sich um die Genesung des Waldes bemühen mit wichtigen und vor allem objektiven Informationen – angeblich.

Baumleiche 
Baumleiche
© Harald Frater  Baumleiche
Dabei ist der seit 1984 jährlich erscheinende Bericht über den Zustand des Waldes schon seit Jahren heftig umstritten. Während Umweltorganisationen seinen Wert preisen und auf seinen Erhalt pochen, sieht dies bei Politikern und Wissenschaftlern zum Teil ganz anders aus. Kritiker bemängeln schon seit den 1980er Jahren, dass das Verfahren viel zu ungenau ist und zudem deutlich überhöhte Zahlen liefert. Damit habe es er vor allem in den 1980er Jahren die „Waldsterbepanik“ in Deutschland maßgeblich mit angestoßen.

Rückendeckung erhielten die Gegner des Waldzustandsberichts schon im November 1988 durch einen Artikel im Wissenschaftsmagazin Nature. Forscher konstatierten darin, dass die meisten der im Waldzustandsbericht aufgelisteten Schäden von selbst heilten, wenn die Bäume nicht zu arg in Mitleidenschaft gezogen sind. Damit könne nur ein Bruchteil der in diesem Report als geschädigt gelisteten Bäume als bedroht gelten und es sei deshalb falsch von einem „Waldsterben“ zu sprechen. Der Bericht, so das Resümee des Artikels, sei falsch oder missverständlich.

Massive Vorbehalte hatten die Gegner des Waldreports vor allem gegen das Verfahren zur Ermittlung der Schäden. Speziell geschulte Mitarbeiter der Forstbehörden in den Bundesländern untersuchen dabei im Juli und August jeden Jahres den Zustand der Baumkronen vom Boden aus. Sie schätzen dabei, wie viele Blätter oder Nadeln der jeweilige Baum verloren hat und damit die so genannte Kronenverlichtung. Diese gilt dann als Indiz für die Schädigung der Fichten, Tannen und Eichen.

Fazit: abschaffen
Um eine klare Zuordnung vornehmen zu können, wurden zudem verschiedene, klar definierte Schadensstufen festgelegt. Die Bewertung 0 gibt es für gesunde Bäume mit Verlusten von null bis zehn Prozent und Schadensstufe 1 erhalten Individuen mit elf bis 25 Prozent Kronenverlichtung. Bäume der Schadenstufe 2 (26 bis 60 Prozent), 3 (61 bis 99 Prozent) und 4 (100 Prozent = bereits abgestorben) werden bei der Analyse der Ergebnisse meist zusammengefasst und mit dem Prädikat „deutlich geschädigt“ versehen.

 Kiefern
Kiefern
© PixelQuelle.de  Kiefern
Für Kritiker ist diese Methode der Schadensermittlung nicht nur zu subjektiv und oberflächlich, sondern sie lässt auch keine gezielten Rückschlüsse auf die Ursachen für die Schädigungen an den einzelnen Standorten zu. Hinzu kommt nach Ansicht von Forschern, dass punktuelle Ereignisse wie Parasitenbefall oder Trockenheit einen zu großen Einfluss auf das Untersuchungsergebnis nehmen.

Denn längst nicht jeder Verlust von Nadeln oder Blättern ist gleich ein Zeichen dafür, dass der betreffende Baum krank ist. Vielmehr handelt es sich dabei teilweise um einen Überlebenstrick. Bei langer Trockenheit sorgt das Abwerfen der grünen „Anhängsel“ dafür, dass weniger Wasser über die Verdunstung abgegeben wird. Die Bäume können so mit den lebenswichtigen Wasserressourcen besser hauszuhalten.

Aufgrund der Mängel des Verfahrens kam schon ein 1996 für das damalige Bundesministerium für Forschung und Technik (BMFT) erstelltes Gutachten zu einem vernichtenden Ergebnis. 18 führende Wissenschaftler forderten als Resümee die Abschaffung des Verfahrens der Waldzustandserfassung wegen Unbrauchbarkeit.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Übersicht
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Waldsterben - das Update
Wie aussagekräftig ist der Waldzustandsbericht?
Dicke Luft über Deutschland
Wie das Waldsterben begann
Waldzustand: besorgniserregend
Die neuesten Zahlen
Wertvolles Instrument oder unbrauchbare Methode?
Pro und Contra Waldzustandsbericht
Waldzustandsbericht ade
Streit um den jährlichen Report
Dünger aus der Luft
Warum Schadstoffe auch nutzen können
Waldsterben überlebt…
…aber der Stress bleibt
Neuer Feind in Sicht
Klimawandel bedroht Bäume
Klimawandel baut Wälder um
Erste Maßnahmen zur Anpassung an Trockenheit und Hitze
Saurer Regen als Baumkiller?
Ursachen von Waldschäden
Wehe wenn Nebel sauer wird
Weitere Auslöser für Baumerkrankungen
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen