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Freitag, 10.02.2012
Keine Kantine für Schimpansen
Wie kooperativ sind die Menschenaffen?

Schimpansen können viel: Sie lösen Probleme durch Einsicht, verstehen Ursache und Wirkung und benutzen Werkzeuge. Sie sind sich wahrscheinlich ihrer selbst bewusst. Sie können Artgenossen imitieren, sich in andere hineinversetzen, einander hinters Licht führen und Allianzen schmieden. In Gefangenschaft aufgezogene Schimpansen haben tausende von Wörtern gelernt. Sie benutzen Symbole und verfügen, so der amerikanische Anthropologe Christopher Boehm, über eine „politische Intelligenz“, die es ihnen erlaubt, komplizierte Machtverhältnisse einzuschätzen.

Fütterung von jungen Schimpansenwaisen. Ältere Schimpansen futtern alleine. 
Fütterung von jungen Schimpansenwaisen. Ältere Schimpansen futtern alleine.
© MPI für evolutionäre Anthropologie
Weniger Toleranz als Hunde?
Schimpansen haben kein Problem, verstecktes Futter durch eigene Überlegung zu finden, wenn etwa ein Brett flach auf dem Boden liegt und ein zweites Brett – mit dem Futter dahinter – hochgestellt ist. Bei diesem Experiment versagen Hunde kläglich. Erstaunlich aber ist, dass Schimpansen in der Regel an der Aufgabe scheitern, die Hunde so gut bewältigen: versteckte Nahrung mit Hilfe menschlicher Hinweise zu finden. Offenbar, so Brian Hare, fehlt es den Schimpansen an solchen soziokommunikativen Fähigkeiten, wie sie Hunde haben.

„Es ist ihr Mangel an Toleranz, der es den Schimpansen so schwer macht, kooperative Aufgaben zu lösen“, erläutert der Forscher. Schimpansen fressen zum Beispiel nur selten zusammen. „Eine Kantine für Schimpansen ist undenkbar! Dass der Institutsdirektor sich mit einem Salat begnügt, während der Student ihm gegenüber ein großes Steak vertilgt, wäre bei Schimpansen niemals möglich.“

Wer gemeinsam frisst, arbeitet auch gemeinsam
In einer Reihe von Versuchen hat Hares Forschungsgruppe dieses Sozialverhalten eindrucksvoll belegt: Man nehme zum Beispiel ein drei Meter langes Brett und stelle an jedes Ende einen Fressnapf. „Enthalten beide Schüsseln Futter, fressen zwei Schimpansen manchmal gemeinsam“, erzählt Hare. „Wäre ich, als Schimpanse, der Rangniedere von beiden, würde ich mich hüten, aus meinem Napf zu fressen. Ich weiß, dass ich dann Prügel beziehen würde.“ Befindet sich nur in einer der beiden Schüsseln Futter, ist es sehr, sehr ungewöhnlich, dass beide Tiere zusammen fressen. Können Schimpansen aber gemeinsam fressen, dann können sie auch zusammenarbeiten.

 Affen ziehen nicht an einem Strang: Nur wenn sie nicht alleine beide Seilenden greifen können, holen sie sich einen Artgenossen als Helfer.
Affen ziehen nicht an einem Strang: Nur wenn sie nicht alleine beide Seilenden greifen können, holen sie sich einen Artgenossen als Helfer.
© MPI für evolutionäre Anthropologie  Affen ziehen nicht an einem Strang: Nur wenn sie nicht alleine beide Seilenden greifen können, holen sie sich einen Artgenossen als Helfer.
Das zeigt das folgende Experiment: Der Versuchsleiter legt das Brett mit den beiden Schüsseln hinter ein Gitter, so dass die Schimpansen es nicht erreichen können. Vor den beiden Affen liegen aber die Enden eines Seils auf dem Boden, mit dem sich das Brett heranziehen lässt. Das funktioniert nur, wenn beide Tiere gleichzeitig jeweils an einem Ende ziehen. Zerrt ein Einzelgänger nur an einem Ende, wird er schließlich nur das Seil in Händen halten. Aufgabe und Funktionsweise des Seils begreifen die Tiere schnell. Dennoch weigern sie sich häufig zu kooperieren.

„Nur die Schimpansen, die gemeinsam fressen können, ziehen auch das Brett gemeinsam heran“, sagt Hare. Mit anderen Worten: Nur die Toleranten kooperieren. Wollte man bei Schimpansen ein menschenähnliches Sozialverhalten bewirken, bräuchten sie also eine kräftige Dosis Toleranz. „Könnte man ihnen eine menschliche Großhirnrinde einpflanzen, würde sich ihr soziales Verhalten kaum ändern“, sagt Hare. „Was sich ändern muss, ist ihr emotionales System.“ Diese Aussage sei allerdings noch eine Hypothese, erklärt der Forscher.

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