Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Missing Link im Lössgürtel
Aus dem Alltag eines Lössforschers

 Lössaufschluss
Lössaufschluss
© Björn Machalett
Björn Machalett ist über und über mit gelbem Staub bedeckt. Die feinen Körnchen sitzen überall, zwischen Fingern und Zähnen, in Nase und Ohren. Schweißtropfen bahnen sich ihren Weg durch einen feinen Film auf Gesicht und Nacken und hinterlassen helle Streifen auf der Haut, während Machalett unbeirrt Sediment-Proben aus der Wand vor sich kratzt, in Tütchen verpackt und nummeriert. Entkommen kann der Berliner Geograph dem Staub nicht. Das will er auch nicht, denn gerade dieses Staubes wegen ist er nach Almaty im Süden Kasachstans gekommen.

Auf einer Anhöhe über der Stadt, da, wo eine Ziegelei einst das Rohmaterial für ihre Backsteine abgebaut und einen der Vorlandberge angeschnitten hat, hockt Machalett ziemlich unbequem im unteren Ende eines Schachtes, der sich über ihm senkrecht durch eine beeindruckend hohe Lösswand zieht. Den Schacht hat er selbst gegraben. Dreißig Meter hoch, zwei Meter breit, vier Meter tief. Er ist nur ein Teil eines über 50 Meter hohen Lössprofils, das der Geograph hier bearbeitet. „500.000 Jahre Pleistozän, in nahezu ungestörter Abfolge,“ schwärmt Machalett.

Locus typicus
Der Stipendiat der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ist im Rahmen seiner Doktorarbeit hier. Und er möchte nicht weniger, als eine entscheidende Lücke der europäischen Lössforschung schließen. „Bisher gibt es aus Südkasachstan keine hochauflösende Stratigraphie der Lösse“, so Machalett. „Dabei ist der Nordrand des Tien-Shan geradezu ideal für eine solche Arbeit.“

Sanfte Hügel vor 4000ern 
Sanfte Hügel vor 4000ern
© Björn Machalett
Almaty liegt direkt am Fuße des Sailijski Alatau, einem nördlichen Ausläufer des Tien-Shan-Gebirges. Innerhalb von wenigen Kilometern steigen hier die Berge auf bis knapp 5.000 Metern Höhe an. Die Stadt selbst liegt 800 Meter über dem Meeresspiegel, so wie die riesige Steppe, die sich von den Bergen aus mehrere hundert Kilometer weit nach Norden zieht. Direkt vor den Bergen haben sich bis zu hundert Meter mächtige Löss-Vorkommen angesammelt. Als sanfte, von Süd nach Nord abfallende Hügel verhüllen sie die zahlreichen Talausgänge am Fuße der Berge.

Lößgürtel über den Kontinent
Unter geradezu modellhaften Bedingungen sei hier während des Pleistozäns Löss entstanden, erläutert Machalett. „Das immer noch vergletscherte Gebirge im Süden mit seiner enormen Reliefenergie ist das Produktionsgebiet für Gerölle, Kies, Sand und Ton, die von den zahlreichen Gebirgsflüssen ins Vorland transportiert und dort sedimentiert wurden. Das feinere Material wurde aus den Schwemmfächern ausgeblasen. Weil die Berge selbst ein Hindernis darstellen, schlug sich der vom Wind transportierte Staub in der so genanten Piedmont-Zone am Fuße der Berge wieder nieder.“

Die Lösse in Südkasachstan gehören zu einem breiten Lössgürtel, der sich über mehrere tausend Kilometer von Südosteuropa über die nordöstlichen Vorländer der Karpaten, den Nordrand des Elbursgebirges im Iran bis zu den nördlichen Ausläufern des Tien-Shan und weiter nach China erstreckt. Ausgesuchte Leitprofile aus dem Lössgürtel sind gut miteinander korrelierbar, so dass sich ein umfassendes Bild des Paläoklimas über den abgedeckten Zeitraum für die gesamten mittleren Breiten des eurasischen Kontinents rekonstruieren lässt.

Wo sich die Winde kreuzen
„Die Lösse in Südkasachstan spielen in diesem Gefüge eine besondere Rolle“, so Machalett. Die Region liege genau am Übergang der europäischen, durch die Westwinddrift geprägten Lössgebiete und der chinesischen Lössprovinzen, in denen das Sibirisch-Mongolische Hoch und der Wintermonsun die Löss-Sedimentation beeinflusst haben.

 Fertig zur Probennahme!
Fertig zur Probennahme!
© Björn Machalett
Mit seiner Arbeit will Machalett deshalb nicht nur den „missing link“ zwischen europäischen und chinesischen Löss-Stratigraphien schließen. Sein Ziel ist es auch, mit den Ergebnissen die atmosphärischen Zirkulationsmuster in Eurasien während des Pleistozäns zu rekonstruieren. Denn beide Windrichtungen haben abwechselnd ihre spezifischen Spuren im Löss hinterlassen. Je nachdem, wann welche Korngrößen und Sediment-Zusammensetzungen überwiegen, könne so auf die Dominanz des einen oder anderen Zirkulationsmusters, auf typische Großwetterlagen oder mögliche Klimawechsel rückgeschlossen werden, so Machalett.

Bis der Geograph erste Ergebnisse haben wird, dauert es noch eine Weile. Die Feldarbeiten in Kasachstan sind zwar vorerst abgeschlossen. Doch jetzt müssen die knapp 2.000 Proben, die er mit nach Deutschland gebracht hat, erst einmal datiert und ausgewertet werden.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Löss
Staub als Klimaarchiv
Herr von Richthofen fährt nach China...
… und macht eine Entdeckung
„Kalter“ oder „heißer“ Löss?
Eine Frage der Herkunft
Das Lasagne-Prinzip
Löss-Paläoboden- Sequenzen
Alphabet der Lössdatierung
…Korngröße, Lumineszenz, Magnetik,…
Wie sich der Monsun verrät
Indiziensuche im China-Löss
Missing Link im Lössgürtel
Aus dem Alltag eines Lössforschers
Zufallsfund auf Lanzarote
Knochen im Sahara-Sand
„Aus der Vergangenheit lernen“
Interview mit Ludwig Zöller
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen