Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Mittwoch, 08.02.2012
Osteoporose in der Tiefe
Übersäuerung der Meere löst Korallenriffe auf

Treibhausgasemissionen 
Treibhausgasemissionen
© IMSI MasterClips
Neben der Schleppnetzfischerei droht den Kaltwasserkorallen noch eine weitere Gefahr: die zunehmende Versauerung der Weltmeere. So kommt eine jüngst veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift „Frontiers in Ecology and the Environment“ zu dem Ergebnis, dass sich der ozeanische pH-Wert seit der industriellen Revolution um 0,1 Einheiten abgesenkt hat - Tendenz weiter sinkend. Schuld hieran ist der zunehmende Eintrag von CO2 aus der Luft in das Meerwasser. Umgerechnet zieht der Ozean gegenwärtig jedes Jahr eine Tonne CO2 für jeden auf der Erde lebenden Menschen aus der Atmosphäre. Doch wieso hat dies so verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem Ozean und speziell die Kaltwasserkorallen?

Chemische Auflösung
 CO2-geschädigtes Plankton
CO2-geschädigtes Plankton
© G. Langer, Universität Kiel  CO2-geschädigtes Plankton
Der sinkende pH-Wert senkt die natürliche Karbonatsättigung des Meerwassers – es wird sauer. Je saurer das Milieu, desto mehr Kalziumkarbonat – das Baumaterial der Korallenriffe - wird gelöst. Im schlimmsten Fall lösen sich somit die Kaltwasserriffe der Steinkorallen einfach auf. Auch anderen Meereslebewesen wie Muscheln, Seeigeln oder Seesternen wird der höhere Säuregrad wahrscheinlich zu schaffen machen. Ihnen fällt es durch die Versauerung schwer, ihre harten Skelette und Schalen aus Kalziumkarbonat zu formen und zu erhalten. Sie wachsen dadurch langsamer und sind leichter zerbrechlich.

Ähnlich der Osteoporose beim Menschen vollzieht sich dieser Prozess zunächst schleichend und unmerklich. Besonders kritisch ist die Lage jedoch für Organismen, deren Skelett wie bei den Steinkorallen aus dem leicht löslichen Aragonit besteht. Der Studie zufolge werden sich im Jahr 2099 rund 70 Prozent der heute bekannten Riffvorkommen in einem so sauren Milieu befinden, dass ihr Überleben äußerst fraglich ist. Aber nicht nur die Tiefwasserriffe wären von einer weiteren Versauerung betroffen. So könnten einem Bericht der Royal Society zufolge auch die Korallen an tropischen und subtropischen Riffen wie dem Great Barrier Reef bis zum Jahr 2050 stark dezimiert sein.

Versauerung betrifft auch Menschen
"Wir wissen schlicht und ergreifend nicht", sagt Professor Ulf Riebesell vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR in Kiel, "ob die Lebewesen in den Meeren - die ja ohnehin schon durch den allgemeinen Klimawandel beeinträchtigt sind - auch noch diese Veränderung verkraften können." Seit Millionen von Jahren hat sich die Chemie der Meere nicht so rasant verändert wie heute.

Wo bleibt das CO2 im Meer? 
Wo bleibt das CO2 im Meer?
© IMSI MasterClips
Riebesell koordiniert den Themenbereich "Treibhauseffekt" im Kieler Forschernetzwerk "Ozean der Zukunft". Seine Arbeitsgruppe am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften hat zahlreiche Arbeiten veröffentlicht, die belegen, dass kalkbildende Organismen im Meer durch die zunehmende Versauerung nachhaltig geschädigt werden – seien es Kaltwasserkorallen, Kalkalgen, Seesterne, Schnecken oder Muscheln. Insbesondere die Eier und Larven vieler Meeresbewohner reagieren sehr empfindlich auf die zunehmende Versauerung. Diese hätte aber nicht nur schwerwiegende Folgen für die an und in den Riffen lebenden Tieren. Auch der Mensch ist direkt oder indirekt von den Riffen abhängig – denn entweder benötigt er sie als Nahrungslieferant, als Touristen-Attraktion oder als Schutz der Küsten vor Bedrohungen wie Tsunamis.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Kaltwasserkorallen
„Great Barrier Reef“ des Nordens
Leben im Dunkel
Eine Tauchfahrt in die Tiefe
Überraschung am Meeresgrund
Korallenriffe im Nirgendwo
Überleben im Alleingang
Ernährungsstrategien unter Wasser
Kinderstube für Hochseefische
Bodenschleppnetze bedrohen Korallengärten
Osteoporose in der Tiefe
Übersäuerung der Meere löst Korallenriffe auf
Korallensterben durch Sahara-Staub?
Interview über eine Forschungsfahrt
Korallen-Steckbrief
Die wichtigsten Arten im Überblick
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen