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Samstag, 20.03.2010
Überleben im Alleingang
Ernährungsstrategien unter Wasser

Kaltwasserriff 
Kaltwasserriff
© Ch. Dullo (IFM-Geomar)  Kaltwasserriff
Die Kaltwasserkorallen wachsen im Vergleich zu ihren tropischen Verwandten geradezu im Zeitlupentempo: Maximal 2,5 Zentimeter im Jahr legen die Tiere pro Jahr an Größe zu, im Durchschnitt sogar wesentlich weniger. Warmwasserkorallen kommen hingegen jährlich auf ein Höhenwachstum von rund 15 Zentimetern. Auch in der Artenvielfalt stehen die Kaltwasserkorallen zurück, denn lediglich 10 bislang nachgewiesene Korallenarten sind in den kalten Gewässern am Bau der Riffgerüste beteiligt – in den Tropen sind es hingegen über 800.

Stockwerk für Stockwerk
Doch wie entstehen trotzdem so imposante Riffstrukturen, die wie vor der Küste Irlands bis zu 200 Meter hoch werden können? In der grundlegenden Bauweise unterscheiden sich die Riffe der Kaltwasserkorallen kaum von ihren tropischen Verwandten. So sondern die Nesseltiere während ihres Wachstums das aus dem Meerwasser und dem Plankton aufgenommene Kalziumkarbonat als Kalk ab. Daraus bilden sie im Laufe der Zeit becherförmige Gehäuse als Wohnhöhlen, die in ihrer Gesamtheit dann das Skelett eines Riffes bilden. Sterben die Tiere ab, so dienen diese Korallenstöcke wiederum als Basis für neue Polypengenerationen. So entsteht mit der Zeit ein Riff, das langsam aber sicher in die Höhe wächst.

 Ruderfußkrebs Neocalanus
Ruderfußkrebs Neocalanus
© NOAA Oceanexplorer  Ruderfußkrebs Neocalanus
„Die Riffe sitzen häufig an topographisch erhabenen Positionen, an denen sich die Strömungen und somit auch der Nahrungsanteil konzentrieren“, erklärt Freiwald die bevorzugte Verbreitung der Kaltwasserkorallen. Zum Nahrungsfang strecken sie die mit Nesselkapseln ausgestatteten Fangarme aus und fischen so ihr Hauptnahrungsmittel - das Plankton - aus dem Wasser. „Nicht-symbiontische Korallen, wie Lophelia, ernähren sich von Zooplankton wie beispielsweise Ruderfußkrebsen“, fügt Freiwald hinzu.

Ohne Symbiose geht es auch
Erst diese Vorliebe für „Frischfleisch“ ermöglicht es den Korallen, in der Tiefe und fernab vom Sonnenlicht zu überleben. Ihre Ernährungsstrategie unterscheidet sich damit grundlegend von den tropischen Arten. Denn diese sind im Laufe der Evolution aufgrund des relativ nährstoffarmen warmen Wassers eine nützliche Symbiose mit einzelligen Algen eingegangen. Diese sitzen in der Außenhaut des Polypen und erzeugen mithilfe von Licht die nötigen Nährstoffe wie Zucker und Aminosäuren – sie betreiben Photosynthese. Übrigens sind diese Algen auch für die bunten Farben in den tropischen Korallengärten verantwortlich, da sie je nach Art unterschiedliche Farbpigmente bilden.

Kaltwasserkoralle Lophelia 
Kaltwasserkoralle Lophelia
© Ken Sulak, USGS
Da die Kaltwasserkorallen hingegen ohne diese Algen auskommen und ihr Überleben letztendlich im Alleingang meistern, sind sie in der Regel auch farblos oder weißgrau. Dabei machen sie ihrem Namen alle Ehre und gedeihen nur bei Wassertemperaturen zwischen vier bis maximal 13 Grad Celsius. Bis heute konnten weniger als 10 Arten dieser Spezialisten nachgewiesen werden: zu den wichtigsten Riffbildnern zählen Lophelia, Oculina, Madrepora, Enallopsammia, Goniocorella und Solenosmilia.

Je mehr Strömung, desto besser
Auf einer seiner Tauchfahrten ist Freiwald im Stjernsund vor Norwegens Küste auf ein ganz besonderes Riff gestoßen. Denn dort gliedert eine vor etwa 10.000 Jahren abgelagerte Endmoräne den Meeresarm in zwei Teilbecken von je mehr als 400 Meter Wassertiefe. „Die Endmoräne agiert heute als eine Unterwasserbarriere gegen den starken Gezeitenstrom und ragt bis in 200 Meter Wassertiefe auf“, erklärt der Paläontologe.

„Die Wuchsformen der riffbildenden Korallen weisen auf die extremen Strömungsbedingungen hin – wenig verkalkte und zu Bonsaiwuchs neigende Lophelia Kolonien finden sich auf dem Dach der Schwelle und „normal- wüchsige Korallen ausschließlich daneben.“, weiß Freiwald zu berichten. Entsprechend ihrer Vorliebe für schnell fließendes Wasser, haben sich die Korallen daher auf der strömungszugewandten Seite am stärksten entwickelt.

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