Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Material aus der falschen Ölquelle
Wachs ist nicht gleich Wachs

Eberhard Bodenschatz war begeistert von der Idee, die unsichtbare Dynamik der Erde nachzuspielen. Er baute seine eigene Apparatur und legte los. Doch obwohl er dasselbe Wachs wie Oldenburg und Brune nutzte, bildeten sich keine Transformstörungen. Beim Auseinanderdriften der beiden Wachsplatten entstand ein Zickzack-Muster.

Bodenschatz war ratlos. Er drehte an den Versuchsparametern, der Vorschubgeschwindigkeit der beiden Wachsschöpfer, der Temperatur des Bades – und baute die Anlage schließlich zusammen mit seinen Studenten bei klirrender Kälte im Freien auf dem Campus auf. „Wir hofften, dass das Experiment mit der gleichmäßigen Wintertemperatur von minus 15 Grad besser funktionieren würde als mit dem Lüfter“, sagt Bodenschatz lächelnd, „aber es blieb dabei – keine Transformstörungen.“

Die Lösung des Problems war schließlich einfacher als erwartet: Bodenschatz rief bei der Firma Shell an, dem Hersteller des Wachses. Und die klärte ihn auf. Beim natürlichen Wachs ist es ähnlich wie beim Wein. Die Eigenschaften hängen vom Anbaugebiet ab, beim Wachs von der Ölquelle. So finden sich in jedem Öl andere Kombinationen von Kohlenwasserstoffketten. Die Quellen aber versiegen im Laufe der Zeit. Und genau das war in der Zwischenzeit geschehen. In den 20 Jahren hatte sich also die Zusammensetzung des Wachses verändert.

 Wachsmodell der Plattentektonik
Wachsmodell der Plattentektonik
© MPI für Dynamik und Selbstorganisation  Wachsmodell der Plattentektonik
Shell schickte Bodenschatz eine neue, synthetische, also von der Ölquelle unabhängige Wachsprobe, die dem Wachs aus den 1970er-Jahren ähnlich war. Prompt klappte das Experiment. Beim Auseinanderdriften bildeten sich Transformstörungen – gerade so, wie sie sich auf dem Meeresboden zeigen. Inzwischen hat der Forscher noch eine Reihe weiterer Phänomene entdeckt, die Oldenburg und Brune damals nicht beobachtet hatten.

Verblüffende Analogien zur Natur
Bodenschatz weiß, dass sich sein Experiment nicht eins zu eins auf die Lithosphäre übertragen lässt. Denn die Kräfte in der Erdkruste sind aufgrund der großen Masse natürlich viel stärker als beim Wachs. Allerdings ist die Dichte von Wachs und Magma recht ähnlich. Und auch die mechanischen Eigenschaften gleichen sich. Bodenschatz ist derzeit dabei, diese Eigenschaften des schmelzenden Waches genau zu messen, und geht davon aus, dass sich sein Modell letztlich doch hochskalieren und auf den realen Maßstab übertragen lässt. Selbst wenn das nicht gelingen sollte, sagt er, sind die Analogien zur Natur verblüffend.

Wollte man die Vorgänge in der Erdkruste nachrechnen, müsste man einen Supercomputer monatelang laufen lassen. Das würde Millionen Euro kosten. Und selbst dann wäre es fraglich, ob sich die Bewegungen ähnlich realistisch darstellen ließen. Denn sowohl das Wachsmodell als auch Mutter Erde haben es, physikalisch betrachtet, in sich. Immerhin stoßen hier vier physikalische Bereiche zusammen, die jeder für sich bereits ausgesprochen komplex sind.

Zum einen ist das die Fluiddynamik, welche die Bewegung von Flüssigkeiten beschreibt – eine mathematisch recht anspruchsvolle Disziplin. Ferner spielt die Elastizität eine Rolle. Auch hier geht es um Bewegungen: die Verformung eines Körpers und das Zurückschnellen in die ursprüngliche Gestalt.

Die Berechnung eines hüpfenden Flummis ist bereits eine echte Herausforderung – erst recht aber die Verformung der Erdkruste. Hinzu kommt das Bruchverhalten des Gesteins – ebenfalls ein komplexes Phänomen. Ein Bruch beginnt nämlich auf mikroskopischer Skala im Molekülgitter und setzt sich beim Mittelozeanischen Rücken bis zum globalen Maßstab fort.

Die vierte Herausforderung ist schließlich die Verfestigung von Magma, ein Phänomen, das sich ebenfalls kaum fassen lässt. „Da ist unsere Lösung vergleichsweise elegant“, sagt Bodenschatz. Mit dieser Meinung steht der Forscher nicht allein.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Plattentektonik im Zeitraffer
Die Welt am Meeresboden im Wachsmodell
Gigantische Narben der Erdkruste
Mittelozeanische Rücken und andere Phänomene der Plattentektonik
Ein Zentner Wachs für die Erdkruste
Forscher spielen unsichtbare Dynamik der Erde nach
Material aus der falschen Ölquelle
Wachs ist nicht gleich Wachs
Puzzlespiel am Meeresboden
Von Transformstörungen, Spreizungszonen und Mikroplatten
Der Tanz der Mikroplatten
Wachsmodell hilft Geowissenschaftlern
Wachsmodell wächst weiter
Test der Tektonik anderer Planeten möglich?
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen