• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Donnerstag, 28.07.2016
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Schall-Bomben töten Meeressäuger

Militärübungen auf dem Meeresboden

Der schwarze Streifen hebt sich deutlich vom hellen Sandstrand vor seinem Haus auf den Bahamas ab. An einem sonnigen Morgen im März entdeckt Ken Balcomb nach dem Aufstehen einen gestrandeten Cuvier-Schnabelwal. Der Meeresbiologe ist sofort alarmiert – die Kleinwale sind nur äußerst selten in Küstennähe zu beobachten, und von Strandungen dieser Art hat er noch nie gehört. Balcomb macht sich mit seinen Kollegen schnell daran den Schnabelwal wieder ins Meer zu bringen. Doch der Wal ist völlig verstört: mehrmals muss Balcomb ihn daran hindern wieder an den Strand zu schwimmen bis er nur noch orientierungslos durch die Bucht kreist. 17 weitere Wale stranden an diesem Tag völlig orientierungslos an unterschiedlichen Stränden der Bahamas. Bei seiner Recherche stößt der Biologe auf einen seltsamen Zufall: Zu der Zeit der Strandungen hielt die Marine direkt an der Küste ein U-Boot Manöver ab. Auf öffentlichen Druck hin leitet die US NAVY eine interne Untersuchung ein, die etwa ein Jahr später offiziell die Aktivität von zwei Mittelfrequenz-Sonarsystemen als Grund für die Strandung ermittelt.

Sonartest auf den Bahamas haben im Jahr 2000 zu Strandungen von Kleinwalen geführt

Bereits 1996 suchten Zoologen einen Zusammenhang zwischen der Strandung von Schnabelwalen im Mittelmeer und einer neuen Technologie der Marine: ein intensives Hoch- und Niedrigfrequenz-Sonar. Das System sendet auf der Suche nach U-Booten Frequenzen zwischen 250 und 3.000 Hertz mit einer Lautstärke von mehr als 230 Dezibel durch die Stille der Meere. Diese „Schallbomben“ schädigen das Gehör der Wale, dass sie nur noch benommen und orientierungslos durch das Wasser trieben.

Seither erforschen Zoologen und Meeresbiologen gezielt Walsterben, das zeitlich mit Marine-Manövern zusammenfällt. Nachdem im Frühling 2005 wieder eine Gruppe Schnabelwale auf Fuerteventura unter diesen Umständen strandeten, unterzogen die Wissenschaftler der Universität von Teneriffa mit amerikanischen und britischen Kollegen die Wale mehreren medizinischen Untersuchungen. Die Ergebnisse gaben endlich Aufschluss: Der Schall der Sonargeräte trifft mit 230 Dezibel in Niedrig- oder Mittelfrequenz auf die Tiere, und setzt deren eigenes Biosonar völlig außer Kraft: Sie verlieren die Orientierung. In Panik versuchen sie so schnell wie möglich an die Wasseroberfläche zu fliehen – ohne mit ihrem angeborenen Instinkt auf den Druckausgleich zu achten. Durch das schnelle Auftauchen lösen sich Gase aus dem Blut und bringen Leber, Herz und Gehirn zum explodieren: die auch bei Tauchern bekannte Dekompressions-Krankheit.

Seit Oktober 2004 fordert daher das EU-Parlament mit Unterstützung des IFWA, der NRDC und einer breiten Mehrheit seine Mitgliedstaaten auf, so lange ein Sonar-Verbot einzuhalten, bis die negativen Auswirkungen auf die Meeresbewohner geklärt sind. Im Juli 2005 beschloss auch die Sitzung der Vereinten Nationen für Ozeane und Seerecht, nach einer abschließenden Untersuchung eine einheitliche Regelung zur Einschränkung des Unterwasserlärms zu finden.

Die Tiefensonare der U-Boote jagen mit 230 Dezibel durch die Stille unter dem Meer

Die Tiefensonare der U-Boote jagen mit 230 Dezibel durch die Stille unter dem Meer

Ähnliche Folgen können auch von zwar „friedvollen“ aber deshalb noch lang nicht leisen Unterwasser-Aktivitäten ausgehen. Auf der Suche nach Erdöl- und Erdgas-Lagerstätten werden schon seit Jahren Schallwellen zur Analyse der Bodenschichten verwendet. Auf dem Meer sind es Schiffe mit einer „Air gun“ im Schlepptau, die pulsierend Schall Richtung Meeresboden schicken. Je nach gewählter Intensität schwanken dabei die Frequenzen zwischen fünf und 2.000 Hertz. Bei besonders intensiver Beschallung des Meeresbodens ist der Lärm über mehrere tausend Kilometer weit zu hören und der Schalldruck zählt zum Stärksten, was Menschen in den Ozeanen überhaupt produzieren können.

Ist natürlicher Schall gefährlich?


Wenn auch viel von dem Unterwasserlärm durch den Menschen hervorgerufen wird, so gibt es dennoch auch natürliche Geräuschquellen, die Auswirkungen auf Wale haben: Seebeben und marine Erdrutsche. Über 80 Prozent der tektonischen Spannungen entlädt die Erde durch Beben unter Wasser. Bei einer Stärke von 3,5 auf der Richter-Skala schwankt der Umgebungsdruck so sehr, als ob die Tiere mehrfach pro Sekunde von der Oberfläche auf 300 Meter Tiefe tauchen würden und zurück – was durch die Dekompression zum sicheren Tod führen würde. Doch so zahlreich Erdbeben zeitgleich mit Strandungen stattfanden, einen eindeutigen Beweis für einen direkten Zusammenhang, gibt es bisher nicht.

Erdbeben werden nicht zwangsläufig zur Gefahr: Nach dem Tsunami 2004 gehen Biologen zunehmend davon aus, dass Tiere wie Wale und Elefanten über ein körpereigenes Frühwarnsystem für Naturkatastrophen verfügen. Bei dem Beben der Stärke 9,0 hatten sich die Tiere an Land rechtzeitig ins Landesinnere zurückgezogen und nicht ein einziges Meeressäugetier wurde von der Flutwelle an die Küsten gespült. Der deutsche Physiker Leo van Hemmen von der Technischen Universität München sucht die Antwort beim Schall. Denn den Erdbeben gehen seismische Oberflächen-Wellen voraus, die im Frequenzbereich zwischen zehn und 20 Hertz liegen. Unhörbar für Menschen, doch Tiere wie Elefanten oder Wale könnten die Geräusche als „natürliche“ Katastrophenwarnung hören.

Stand 06.01.2006