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Freitag, 10.02.2012
Kaltwasserkorallen im Nordmeer
Überlebenskünstler in der Tiefe

Forschungsschiff Poseidon im norwegischen Stjersund 
Forschungsschiff Poseidon im norwegischen Stjersund
© A. Freiwald, IPAL-Erlangen  Forschungsschiff Poseidon im norwegischen Stjersund
Knapp elf Jahre ist es her, dass Paläontologen der Universität Erlangen-Nürnberg eine geradezu sensationelle Entdeckung machten: An den Kontinentalrändern des kalten Nordatlantiks sowie der Barents-See fanden sie Riffstrukturen, die bislang nur aus den warmen und lichtdurchfluteten Flachwassermeeren der subtropisch-tropischen Klimazone bekannt waren. Vor allem die Steinkoralle Lophelia pertusa lebt in Tiefen von mehr als 1.000 Metern und bildet dort große Kolonien.

Plankton-Festschmaus
„Die Riffe sitzen häufig an topographisch erhabenen Positionen, an denen sich die Strömungen und somit auch der Nahrungsanteil konzentrieren“, erklärt der Korallen-Experte und HERMES-Forscher André Freiwald die Lebensbedingungen der Tiere. Die Korallenpolypen sind wirbellose Tiere, welche zumeist nicht größer als zehn Millimeter werden. Sie bestehen vorwiegend aus einem sackförmigen Körper und einer Mundöffnung, die von Tentakeln umgeben ist. Zum Nahrungsfang strecken sie die mit Nesselkapseln ausgestatteten Fangarme aus und fischen so ihre Nahrung aus dem Wasser. „Nicht-symbiontische Korallen, wie Lophelia, ernähren sich von Zooplankton wie beispielsweise Ruderfußkrebsen“, ergänzt Freiwald.

 Riffbildende Kolonie der Koralle Lophelia pertusa
Riffbildende Kolonie der Koralle Lophelia pertusa
© A. Freiwald, IPAL-Erlangen  Riffbildende Kolonie der Koralle Lophelia pertusa
Eines der imposantesten Korallenriffgebiete des Nordatlantiks ist der Sula-Rücken vor der Küste Norwegens. Auf dreizehn Kilometern Länge und 400 bis 600 Meter Breite sind dutzende individuelle Rifflandschaften entwickelt. Das durchschnittlich 15 Meter hohe Riff liegt in einer Tiefe von „nur“ maximal 320 Metern auf Geröllbarrikaden, die in den Eiszeiten bei wesentlich niedrigerem Meeresspiegel durch strandende Eisberge förmlich aufgeschoben wurden. Doch der Sula-Rücken ist nur der nördlichste Teil eines großen Korallengürtels, der sich im lockeren Verbund über tausende Kilometer vom iberischen Kontinentalhang bis nach Nordnorwegen erstreckt.

Bis zu 30 Millionen Jahre alt
Mittlerweile haben die Forscher herausgefunden, dass die Riffe im Nordmeer sehr vorsichtigen Schätzungen zufolge über 200.000 Jahre alt sind. Einzelne Riffgebiete konnten die Paläontologen sogar durch Fossilienfunde bis in das Oligozän vor rund 30 Millionen Jahren zurückdatieren. „Die eigentliche Erforschung der biologischen Langzeitdynamik und Funktionalität der Artengruppen steht erst am Beginn“, schränkt jedoch Freiwald die Forschungserfolge der letzten Jahre ein. Deshalb statteten die Wissenschaftler erst vor wenigen Monaten den Riffen im Rahmen von HERMES mit dem Tauchboot JAGO erneut einen Besuch ab. „Dabei ging es uns vor allem um die Milieubedingungen der Korallen, wie zum Beispiel die Substratbeschaffenheit des Untergrundes und das Strömungsregime“, erläutert Freiwald. Neben der Entstehungsgeschichte wollen die Forscher damit insbesondere herausfinden, wie rasch diese tiefmarinen Ökosysteme auf Umweltveränderungen reagieren können.

Bohrkernuntersuchung im Stjersund 
Bohrkernuntersuchung im Stjersund
© A. Freiwald, IPAL-Erlangen  Bohrkernuntersuchung im Stjersund
„Vor allem die Rolle von Kaltwasserriffen als Lebensraum für Fischpopulationen muss geklärt werden. Obgleich es zurzeit noch schwer zu quantifizieren ist, verdichten sich die Hinweise zur Bedeutung der Riffe als Kinderstube für viele Arten“, fügt Freiwald hinzu. Dabei gehören diese uralten tierischen „Wohngebiete“ möglicherweise schon bald der Vergangenheit an. „Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Riffgebiete im Einzugsgebiet der klassischen Hochseefischerei liegen“, gibt Freiwald zu Bedenken. Doch zumindest auf ihrer letzten Expedition im Sommer mit dem Forschungsschiff Poseidon konnten die Wissenschaftler in den norwegischen Gewässern erfreulicherweise keine größeren Schäden feststellen. Trotzdem ist es für eine Entwarnung sicherlich zu früh, denn Meeresverschmutzung und Schleppnetzfischerei könnte den Kaltwasserriffen schneller zusetzen, als die Wissenschaftler ihre Bedeutung erforschen können.

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