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Freitag, 10.02.2012
„Grand Canyon“ unter Wasser
Von turbulenten Strömen und Kinderstuben

Unterseeischer Canyon am Kontinentalhang 
Unterseeischer Canyon am Kontinentalhang
© NOAA Oceanexplorer  Unterseeischer Canyon am Kontinentalhang
Nicht nur im Grand Canyon hat die Erosion ganze Arbeit geleistet, auch an den Kontinentalrändern sind Schluchten von mehr als 1.000 Meter Tiefe keine Seltenheit. Ebenso wie ihre Ebenbilder an Land gibt es sie in zahlreichen Varianten, mal schmal oder breit, mal schnurgerade oder mäandrierend. Als eine Art „Rutschbahn“ transportieren sie Sedimente vom Schelf über den Kontintalabhang in die Tiefsee. Einige dieser riesigen Unterwasser-Canyons entstanden vermutlich als ganz normale Flusstäler zu Zeiten niedrigerer Meeresspiegel. So setzt sich beispielsweise das Flussbett der Themse direkt unterhalb der Wasseroberfläche als submariner Canyon in die Tiefe fort.

Vorsicht: Lawinengefahr!
Lange war allerdings unbekannt, wie die Schluchten abseits des Festlandes und weit unterhalb der Wasseroberfläche entstanden sind. Denn die Erosion des Meeresbodens und die Ablagerung von Sedimenten wird nur bis in wenigen Metern Tiefe vom Wellengang und den Gezeiten beeinflusst: Starke Stürme durchmischen das Wasser und verfrachten die Sedimente langsam in die unteren Bereiche des Schelfs. Tief unter der Meeresoberfläche hingegen, an den steilen und tief zerklüfteten Kontinentalhängen, vollzieht sich die Bewegung der Sedimente weitaus dynamischer. So haben Forscher festgestellt, dass kleine Erdbeben oder spontane Rutschungen die obersten Bodenschichten aufwirbeln und diese dann wie eine Lawine in die Tiefe gleiten lassen.

Einmal in Bewegung geraten, stürzen die tonig-feinen Sedimente durch die Canyons nach unten und können dabei Geschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern erreichen. Wie eine Art großer Staubsauger reißen sie alle Hindernisse und vor allem totes organisches Material mit sich in die Tiefe. Diese so genannten Turbiditströme graben im wahrsten Sinne des Wortes den Kontinentalhang ab und sind eine der Erklärungen, warum sich die Canyons im Laufe der Zeit weiter vertiefen und nicht, wie früher angenommen, durch die hohe Sedimentfracht von selbst „versanden“.

Portugals Grand Canyon
 Fischschwarm
Fischschwarm
© IMSI MasterClips
Auf diese Weise entstand beispielsweise der Nazare-Canyon vor der Küste Portugals: Mehr als 2.000 Meter stürzt die Schlucht dort in die Tiefe. Der hohe Anteil an Schwebstoffen bildet ein extrem nährstoffreiches Wasser und ist für den Fischnachwuchs ein wahrer Festschmaus. Schon länger wird daher vermutet, dass sich in den Canyons die Kinderstube zahlreicher Tiefseefische befinden könnte. Bislang gestaltete sich die Erforschung jedoch gerade wegen der hohen Schwebfracht und Trübung des Wassers als extrem schwierig.

Nun geht mit HERMES allerdings eine völlig neue Generation von Tauchrobotern und Messgeräten an den Start. So werden die Wissenschaftler unter anderem vom Alfred-Wegener-Institut und dem IFM-Geomar während zahlreicher Tauchfahrten nicht nur den Nazare-Canyon sondern auch viele weitere bereits bekannte Canyons exakter vermessen und genauer auf ihre biologische Vielfalt hin untersuchen. Schon die ersten Expeditionen im Sommer 2005 rund um die Iberische Halbinsel und im Mittelmeer förderten eine Vielzahl neuer und bislang unbekannter Schluchten ans Tageslicht.

So muss beispielsweise der Golf von Lion einen wahren Expeditions-Marathon über sich ergehen lassen. Gleich vier verschiedene Canyons werden hier intensiv beprobt. Als ersten Überraschungserfolg entdeckten Forscher an Bord des RV Aegaeo bereits Anfang Mai einen bislang unbekannten Canyon zwischen den griechischen Inseln Kreta und Gavdhos. Im Nazare-Canyon drangen Wissenschaftler des niederländischen Forschungsschiffes RV Pelagia sowohl in den oberen Bereich in 890 Meter Tiefe als auch in den unteren Teil in rund 3.100 Meter Tiefe vor. Neben zahlreichen Wasser-Messungen entnahmen die Forscher vor allem Bodenproben und organisches Material. Zugleich konnten sie überraschenderweise im benachbarten Setubal-Canyon das Vorkommen von Kaltwasserkorallen in einer Tiefe von 1.450 Metern vermelden.

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