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Freitag, 10.02.2012
Die hessischen Tropen
Messel - ein fast vollständig erhaltenes Ökosystem

Messel lag vor 50 Millionen Jahren etwa auf der Höhe von Neapel, also 10 Grad näher am Äquator. Außerdem war das Erdklima ohnehin wärmer als heute. So dürfte sich rund um den Messeler Maarsee eine ausgedehnte Tropenlandschaft erstreckt haben, mit 25°C Durchschnittstemperatur und immergrünem Wald.

In Messel gefundener Alligator 
In Messel gefundener Alligator
© Naturmuseum Senckenberg  In Messel gefundener Alligator
Der See selbst war ein tiefes Wasserloch. Tiefbohrungen haben 200 Meter bituminöse Tonsteinen durchstoßen, welche gleichzeitig die Form des eozänen Sees nachzeichnen. Doch im Gegensatz zum späteren Stöffeler Maar ist der See nicht durch eine Katastrophe verschüttet worden, sondern ungewöhnlich langsam, über fast zwei Millionen Jahre, versandet. In seinen feinen Sedimenten schlummert nahezu die gesamte Fauna und Flora seiner Zeit, welche nun wieder ans Tageslicht geholt wurde.

Für das hessische Bergland heute eher ungewöhnlich, damals aber sehr zahlreich vorhanden: Krokodile. Die meisten waren allerdings nur 1,20 Meter lang. Gefährlicher war da wohl ihr bis zu vier Meter langer Verwandter Asiatosuchus. Die Reptile machten Jagd auf die zahlreichen Frösche (drei Familien), von denen man ein Exemplar sogar mit Laich fand. Kaulquappen hingegen fehlen fast völlig, vielleicht weil Raubfische ihnen nie Gelegenheit gaben, in die Seemitte vorzustoßen. Weitere Beute waren vermutlich Schildkröten und Knochenfische.

Um den See herum schlängelte, kroch, lief und flog eine exotische Tierwelt durch den Regenwald. Die Sumpfigen Stellen der Zuflüsse und Niederungen waren mit Riedgräsern, Weiden und Farnen bedeckt. Palmen, Lianen und Mistelgewächse leiteten zum Hochwald über. Dort lauerten Würgeschlangen, den heutigen Phytons und Boas verwandt, auf Beute.

 Bodenlebender Insektenfresser
Bodenlebender Insektenfresser
© S. Tränkner / J. Habersetzer - Naturmuseum Senckenberg  Bodenlebender Insektenfresser
Und derer gab es augenscheinlich genug: Allein von den etwa 60 Säugern, die für einen solchen Lebensraum charakteristisch wären, fand man bisher 40. Darunter mehrere Arten von Urpferden, die in kleinen Gruppen durch den Wald und die Lichtungen strichen. Die ebenfalls vielfältigen Funde von Vögeln sind bedeutsam für die stammesgeschichtliche Entwicklung ihrer heutigen Verwandten. Beeindruckend war neben Ursträußen und Flamingos sicherlich der Diatrymas, ein Kranichvogel. Zwar war er flugunfähig, dafür aber fast zwei Meter groß.

Von besonderer Bedeutung für die Paläogeographen sind die Funde von Ahnen südamerikanischer Strauße und Ameisenbären. Bis dato vermutete die Wissenschaft ihr Verbreitungsgebiet ausschließlich in Südamerika. Nun glaubt man, dass sie auch in Afrika und Europa gelebt haben, dort jedoch später ausgestorben sind.

Neben der Artenvielfalt ist es vor allem aber die Qualität der Funde, die Messel so bedeutsam macht. Bakterienrasen bilden Hautschatten, Haare und Federn nach und manchmal ist es den Paläontologen sogar möglich, die Mageninhalte der Fossilien zu untersuchen. So fand man im Magen des Urpferdchens Weintraubenkerne (ein tertiärer Weinkenner?) und kann nun Rückschlüsse auf seine Ernährung ziehen.

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