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Sonntag, 14.03.2010
Künstliche Biotope
Lebensräume von Menschenhand geschaffen

Wenn nicht gerade der Wald brennt oder ein Vulkan ausbricht, sind natürliche Pionierstandorte heute eher selten geworden. Doch quasi als Ausgleich sorgt der Mensch mit Kiesgruben, Truppenübungsplätzen oder Industriebrachen für Ersatzstandorte. Mit Maschinen schichtet er den Untergrund immer wieder um und schafft so die Voraussetzungen für eine Pionierlandschaft. Allgemein gelten Kies- und Sandgruben, aber auch Steinbrüche als hässliche Wunden in der Landschaft. Nur wenigen ist bekannt, dass diese Abbauareale wichtige Lebensräume und Rückzugsinseln für Lebensgemeinschaften und bedrohte Arten darstellen.

Huflattich (Tussilago farfara) 
Huflattich (Tussilago farfara)
© PixelQuelle  Huflattich (Tussilago farfara)
Auch frisch aufgeschüttete Böschungen bilden ein hervorragendes Siedlungsgebiet für Pionierpflanzen. Zunächst ist der Boden noch völlig kahl und nicht sehr standfest, so dass er schnell rutscht oder oberflächlich erodiert. Beste Voraussetzungen, in diesem Lebensraum klar zu kommen, haben daher solche Pflanzen, deren Wurzelsystem hohen mechanischen Belastungen gewachsen ist und Gewebeschäden schnell heilen kann. Aus diesem Grund haben die meisten Pionierpflanzen kräftige, tief greifende Pfahlwurzeln, mit denen sie zur Befestigung der Böschung beitragen. Ihr Blattwerk schützt den Boden vor Angriffen des Windes und bremst den Aufprall von Regentropfen. Dadurch verhindern sie eine Abtragung des aufgeschütteten Bodens. Zu den typischen Erstbesiedlern solcher kahlen Flächen gehört beispielsweise der Huflattich oder die Purpurweide.

Von der Bauschuttdeponie…
Eines der eindrucksvollsten Beispiele eines künstlichen Biotops ist die Entwicklung des so genannten Leslie Street Spits, einer Landzunge, die vor der kanadischen Metropole Toronto etwa fünf Kilometer in den Ontariosee hineinragt.

Als man Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts damit begann, die Halbinsel aufzuschütten, war sie ursprünglich als Mole für Torontos äußeren Hafen gedacht, da man nach der Eröffnung des Sankt Lawrence Seewegs 1959 mit einem erhöhten Schiffsaufkommen rechnete. Doch dann stellte sich heraus, dass der innere Hafen sehr wohl ausreichte, um einlaufende Frachtschiffe abzufertigen.

 Leslie Street Spit, Toronto
Leslie Street Spit, Toronto
© Ramona Munteanu  Leslie Street Spit, Toronto
Trotzdem baute man weiter an der Halbinsel, weil sie sich hervorragend eignete, den Bauschutt der wachsenden Metropole loszuwerden. Nach und nach besiedelten Pionierpflanzen die Brachflächen und verwandelten den kargen, nährstoffarmen Boden in eine Landschaft, die bald von nachfolgenden Pflanzengesellschaften in Besitz genommen wurde. Die Samen kamen entweder mit dem Bauschutt oder wurden vom Wind oder Vögeln von den nahe gelegenen Toronto Islands herüber geweht.

…zum schützenswerten Biotop
Heute ist die Halbinsel ein beliebtes Naherholungsgebiet in unmittelbarer Nähe zur geschäftigen Großstadt. Über 400 verschiedene Pflanzenarten wurden identifiziert und weite Teile sind heute mit Pappelwäldern überzogen. Die Uferzonen sind immer noch als Habitate für Pionierarten beliebt, wie beispielsweise das Gänsefingerkraut. Besonders begehrt ist die Halbinsel bei Zugvögeln, unter anderem den Nachtreihern, die hier in großen Kolonien nisten.

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