Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Der heilige Mistkäfer
Faszination und Ekel

Das schleimige Monster kommt aus der Kanalisation hervor gekrochen und beginnt sein Unwesen. Mit einer Mischung aus Ekel und Faszination können die Kinozuschauer kaum den Blick von der Leinwand wenden. Auch von Hagens Körperwelten-Ausstellung hätte vermutlich nicht denselben Besucheransturm erlebt, wenn die Exponate einfach nur aus Plastik nachgeformt gewesen und niemals mit echten Leichen in Berührung gekommen wären.

Skarabäus 
Skarabäus
© IMSI MasterClips
Was eklig ist, übt gleichzeitig auch eine gewisse Faszination aus. Während Kleinkinder ihre Exkremente noch als Geschenk betrachten und sie stolz den Eltern vorführen, haben wir in der Regel spätestens mit fünf Jahren gelernt, dass Kot und Urin eklig sind und weder berührt noch ausgiebig thematisiert werden.

Das war nicht immer so: Louis XIV trug angeblich eine Windel, weil es sich als Sonnenkönig nicht schickte, hastig in Richtung Klo zu eilen. Die anderen Gäste entleerten sich derweil mitunter in die Ecken des Saales. Versailles hat damals vermutlich nicht gerade nach Veilchen gerochen. Urin wurde bei afrikanischen Völkern gegen Insektenstiche aufgetragen und in arktischen Gegenden statt Wasser zum Waschen verwendet. Zahlreiche anthropologische Studien belegen zudem einen häufigen Zusammenhang zwischen rituellen Handlungen und der Verwendung von Exkrementen. Schon bei den Ägyptern galt schließlich der kotfressende Skarabäus als heilig.

Sind wir also Opfer einer übertrieben hygienischen Erziehung, die sämtliche Ausscheidungen des Körpers zu Unrecht als ekelhaft verbannt? Ganz zu Unrecht sicher nicht: bevor Ignaz Philipp Semmelweiss sich für mehr Hygiene aussprach, starben zahlreiche Frauen im Kindbett - heute unvorstellbar. Durch ein gewisses Maß an Hygiene wird so die Ausbreitung zahlreicher Krankheiten erfolgreich unterbunden, denn auch wenn das Essen des eigenen Kots medizinisch unbedenklich ist, sind nicht entsorgte Fäkalien ein Tummelplatz für eine Vielzahl von Infektionskrankheiten.

 Urin: Ekelhaft oder heilend?
Urin: Ekelhaft oder heilend?
© IMSI MasterCLips
Ungefährlich, ja sogar nützlich, ist auch der eigene Urin - zumindest wenn keine Erkrankung der Harnwege oder der Niere vorliegt. Getrunken, eingerieben, als Wickel oder beim Gurgeln soll Eigenurin wahre Wunder wirken bei Halsschmerzen, Neurodermitis, Warzen, Entzündungen oder Grippe. Einige der 2.000 Inhaltsstoffe des Urins werden auch in der Schulmedizin verwendet. Urea (Harnstoff) wird - synthetisch hergestellt - als entzündungshemmendes Mittel in Hautsalben verwendet. Östrogen aus dem Urin trächtiger Stuten findet in Hormonpräparaten zur Behandlung von Wechseljahrenbeschwerden Verwendung.

Das Trinken des eigenen Urins erfordert jedoch häufig die Überwindung einer Ekel-Hemmschwelle. In Deutschland machte die Journalistin Carmen Thomas die Urintherapie 1993 populär. Über 100.000 Zuschriften und über eine Million verkaufte Exemplare ihrer Bücher brachte ihr das Thema ein. Die Faszination am Ekel leistete zu diesem Erfolg sicherlich einen Beitrag...

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Pfui Spinne!
Warum wir uns ekeln
Vanille und faule Eier
Nützlicher Ekel
Hauptsache süß
Wie uns Ekel vor Gift bewahrt
Erbrechen für das Kind
Schwangerschaftsübelkeit als Schutzmechanismus
Spinnenphobie
Die tut doch nichts
Punk-Lieblinge und Kanalbewohner
Was macht Ratten ekelhaft?
Nur her mit den Maden
Widerliche Biochirurgen bei der Arbeit
Dr. Ringelwurm beißt zu
Ekel vor dem Egel
Wie das duftet
Körpergerüche waren nicht immer verpönt
Der heilige Mistkäfer
Faszination und Ekel
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen