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Auch Pflanzen rufen „Hilfe“
Mit Zucker und Düften befreundete Armeen anlocken

Nachmittags um drei Uhr im Urwald: Auf den Blättern bestimmter tropischer Akazien, den Macaranga-Bäumen, tummeln sich große Mengen an Pflanzenschädlingen, die die Blätter anfressen oder Eier ablegen. Die Akazien scheinen ihnen schutzlos ausgeliefert, die Flucht ergreifen oder sich schütteln können sie ja nicht. Wie es aussieht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bäume völlig kahl gefressen sind und eingehen.

Doch schon bald naht die Rettung für die Macaranga-Bäume. Ganze Armeen aus Ameisen, Wespen oder anderen räuberischen Insekten schweben heran und sorgen für Ordnung auf Blättern und Zweigen. Im Handumdrehen haben sie die meisten der Pflanzenfresser vertrieben oder sogar aufgefressen und der Baum kann „aufatmen“.

Schlaraffenland für Nektarliebhaber
 Pseudomyrmex-Ameisen
Pseudomyrmex-Ameisen
© MPI für chemische Ökologie / Martin Heil
Alles Zufall? Keineswegs. Nach dem Prinzip „Gib den Ameisen Zucker“ hat die Akazie bei den ersten Anzeichen von Fraßschäden auf chemischem Weg um Hilfe gerufen. Wie Forscher von der Universität Würzburg und dem Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie bei Freilandversuchen ermittelten, erzeugen die Macaranga-Bäume bei Schädlingsbefall große Mengen an zuckerhaltigen Substanzen und geben sie über die Blätter ab. Ameisen und andere Nektarliebhaber werden von dem klebrigen Überzug magisch angezogen. Am Zielort angekommen, betätigen sie sich zum Dank für die Extramahlzeit als schlagkräftige Unterstützung im Kampf gegen die Pflanzenfresser.

Der Ökologe Martin Heil hält dieses Vorgehen der Pflanzen für eine clevere Taktik: „Ein ökonomisches Verhalten, die Bäume investieren den Nektar nur dann, wenn er tatsächlich erforderlich ist.“

Biologische Schädlingsbekämpfung
„Hilfe auf Zuruf“ ist jedoch nicht die einzige Strategie der tropischen Akazien im Kampf ums Dasein. Einige andere Arten beherbergen ihre Beschützer auch dauerhaft. Um die Ameisen zu versorgen, erzeugen sie neben Blattnektar auch kleine Futterkörperchen, die unter anderem aus Fetten und Proteinen bestehen. Fraßschäden sorgen aber auch bei diesen so genannten Ameisenpflanzen dafür, dass die Nektarproduktion mit höherem Tempo läuft.

„Wenn sie von Fraßinsekten angegriffen wird, ist Macaranga tanarius also in der Lage, durch eine Erhöhung der Blattnektar-Produktion sehr schnell und sehr effektiv bestimmte räuberische Insekten ’zu Hilfe zu rufen’, die dann als ’biologische Schädlingsbekämpfer’ fungieren und die Pflanzen vor weiteren Schäden bewahren“, erläutert Professor Wilhelm Boland vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie die Strategie der Akazien.

Kirschen 
Kirschen
© IMSI MasterClips
Wie groß die Bedeutung der Ameisen für Macaranga tanarius ist, zeigt folgender Versuch: Forscher entfernten die Ameisenarmee von einem Akazienbaum und beobachteten dann, was passiert. Ergebnis: Innerhalb von nur zwölf Monaten hatte der Baum rund Vierfünftel aller Blätter verloren.

Die Blattnektar-Produktion ist aber keineswegs eine ausschließlich tropische Spezialität. Auch die heimischen Kirschenarten scheiden vor allem während der Fruchtreife einen klebrigen Blätterüberzug ab und versuchen auf diese Weise Hilfe vor Schädlingen zu bekommen.

Eine Duftspur für Räuber…
Eine andere, ebenso effektive Möglichkeit für Pflanzen freundlich gesonnene Tiere anzulocken sind Duftsignale. Ein Beispiel: Der wilde Tabak Nicotiana attenuata, der unter anderem im Great Basin Desert im Südwesten der USA wächst, sondert eine chemische Duftspur ab, sobald sich beispielsweise die Larven des Tomatenschwärmers an seinen Blättern gütlich tun. Verschiedene räuberische Insekten orientieren sich an diesen Duftfahnen und fliegen zielsicher die attackierten Tabakpflanzen an, wo ihre Nahrung bereits auf sie wartet.

Die Fähigkeiten zum Aufspüren und identifizieren der Duftsignale - so Wissenschaftler um Ian Baldwin in einer Science-Publikation 2001 - sind entweder angeboren oder sie entstehen „weil Räuber und Parasitoide bestimmte Duftmuster mit ihren Beutetieren assoziieren.“

Gleich mit einer doppelten Strategie arbeitet die Limabohne, die wild unter anderem in Mexiko vorkommt. Ökologen haben festgestellt, dass diese sowohl Blattnektare absondern, als auch Duftsignale, um die Feinde ihrer Feinde bei Schädlingsbefall herbeizuzitieren.

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