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Donnerstag, 26.05.2016
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„Ein Kanal von der Brust zur Gebärmutter“

Anatomische Studien

Leonardos Interesse am menschlichen Körper erschöpft sich nicht im Studium von Kneipengestalten oder Fingerübungen für Portraits. Bereits während der achtziger und neunziger Jahre des 15. Jahrhunderts waren ihm Modellstudien wichtig, um Personen anatomisch korrekt und entsprechend ausdrucksstark wiederzugeben. Doch mit Ende 50, als er auf Einladung der Franzosen erneut in Mailand weilt, geht er noch weiter. Er ist der erste Künstler, der Menschen seziert. Mit dem Blick des Malers und Bildhauers zerlegt er Knochen und Muskulatur, um sie detailgetreu und anatomisch korrekt wiederzugeben.

Studien am offenen Menschen


Anatomische Studien der Schulter

Anatomische Studien der Schulter

Trotz päpstlichen Verbots führt Leonardo im Jahr 1510 eigenhändig etwa 35 Sektionen an menschlichen Leichen durch. Sind für ihn anfangs nur die Architektur des Körpers und die mechanische Funktionsweise von Interesse, so ist er mit zunehmender Dauer seiner Studien auch von physiologischen und medizinischen Fragestellungen fasziniert.

Erschwert wird die Arbeit durch die begrenzte Anzahl gerade Verstorbener und durch den schnellen Zerfall. Doch Leonardo gelingt es, Leichen jeden Alters zu untersuchen, und so stößt er bald auf auffällige Unterschiede zwischen den Leichnamen. Im Mailänder Hospital Santa Maria Novella seziert er einen friedlich entschlafenen alten Mann und möchte die Todesursache herausfinden. Er entdeckt eine „pergamentartige, eingeschrumpfte und verunstaltete Arterie“ und liefert damit die erste Beschreibung der Arteriosklerose in der Geschichte der Medizin.

Leonardo wird mit der Zeit von einer wahren Leidenschaft für Gehirne, Herzen, Därme, Lungen und Muskeln erfasst. Er möchte die Beziehungen der einzelnen Organe zueinander verstehen. Um seinen Mitmenschen „den Ursprung ihrer Existenz“ zu offenbaren, plant er die Veröffentlichung eines Traktats „Über den Bau des menschlichen Körpers“.

Dafür hat Leonardo stets Stift und Feder dabei. Er nimmt die Leichen sorgfältig auseinander, versucht freigelegte Teile nicht zu beschädigen und gießt sie mit flüssigem Wachs aus. Er dokumentiert seine Forschung mit zahllosen Skizzen, zeichnet aus mehreren Perspektiven, übt die plastische Darstellung durch verschiedene Lichtquellen.

Im Konflikt mit der Antike


Studie eines Fötus

Nicht immer gelingt es Leonardo, das traditionelle Wissen beiseite zu lassen und ganz dem zu vertrauen, was er sieht. Vieles kann er sich nicht erklären, so versucht er, seine Forschungen mit den Annahmen der Antike in Einklang zu bringen und Beweise für ihre Richtigkeit zu liefern. Dabei unterlaufen ihm Fehler wie bei der Darstellung der Geschlechtsorgane: Bei der Frau vermutet er einen Kanal zwischen Brüsten und Gebärmutter, während der Penis des Mannes nach Meinung da Vincis sowohl mit den Hoden als auch der Lunge und dem Gehirn verbunden ist. Für die Zeugung sei neben dem Sperma auch eine geistige Substanz nötig, die über das Rückenmark zum Penis gelange.

Doch nicht immer irrt Leonardo. Die erste Zeichnung eines menschlichen Fötus in der Gebärmutter ist Leonardo da Vinci zu verdanken, obwohl er nie eine schwangere Frau seziert hat. Sämtliche Erkenntnisse über Embryos soll er an einer trächtigen Kuh gewonnen haben.

Schließlich gelingt es ihm aber, auch einige der antiken Ansichten zu widerlegen. Seine berühmte Proportionsstudie geht auf die Darstellung von Vitruv, einem römischen Architekten, zurück, der die Maße des vollkommenen menschlichen Körpers beschrieben hatte. Durch eigene Messungen nimmt Leonardo systematisch Größe und Wuchs junger Männer auf und korrigiert Unstimmigkeiten des antiken Vorbilds wie zum Beispiel die zu großen Füße.

Medizinisch unbedeutend, künstlerisch wertvoll


Das anatomische Traktat Leonardos kommt niemals zustande. Er hatte eigentlich beschreiben wollen, was die Seele ist. Doch Blutkreislauf, Atmungssystem und Stimmapparat,
Die menschlichen Proportionen nach Vitruv

Die menschlichen Proportionen nach Vitruv

die letzten seiner Forschungsgebiete lassen ihn resigniert aufgeben. Erstaunt über die Komplexität der Schöpfung, kann er das Geheimnis des Lebens doch nicht durchdringen, die Dinge, die er ans Licht geholt hat, nicht verstehen. Vom medizinischen Standpunkt hatten seine Forschungen keinen Wert. Doch was von seinen Studien am Menschen bleibt, sind über 200 Seiten mit Zeichnungen von solch wissenschaftlicher Exaktheit und Plastizität, wie sie bis dahin völlig unbekannt waren. Jahrhunderte lang dienten seine Motive als Anschauungsmittel, bis sie schließlich, korrigiert und präzisiert, zum Standard anatomischer Darstellung wurden.

Stand 27.01.2005