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Freitag, 10.02.2012
„Flüsse haben die Berge zersägt“
Wie Leonardo die Welt sah

Frühjahr 1504: Leonardo skizziert und plant gerade den Kanal, der den Arno vom Mittelmeer bis Florenz schiffbar machen soll. Um geeignete Strecken für eine Abkürzung der Fluss-Mäander zu finden, durchstreift er die Arno-Ebene. Obwohl das Flussbau-Projekt ihn rund um die Uhr beschäftigt, nutzt er seine Streifzüge auch dazu, sich grundlegende Gedanken zur Geologie, Hydrologie und Astronomie zu machen. Schließlich möchte er die Wasser, die er bezwingen will, auch verstehen.

„Luftbild“ der toskanischen Küste, 1515	 
„Luftbild“ der toskanischen Küste, 1515
© Royal Library, Windsor  „Luftbild“ der toskanischen Küste, 1515
Ergebnis dieser Beobachtungen, Skizzen und Studien ist der Codex Leicester, ein von Leonardo selbst gebundenes Büchlein. Es besteht aus 36 einzelnen Blättern, die er wohl nicht chronologisch verfasst, sondern erst nacheinander geordnet hat. Hier sammelte Leonardo seine wichtigsten Theorien und Vorstellungen über die physische Welt. Dieses Notizbuch Leonardos ist das einzige, das sich noch heute in Privatbesitz befindet. Bill Gates hat es 1994 für umgerechnet rund 23 Millionen Euro ersteigert.

Eine Auswahl der im Codex Leicester behandelten Fragen und Leonardos Antworten:

Besitzt die Erde einen Wasserkreislauf?
„Die Wasser sind also unter den Fluten in den Adern, die vom Meergrund ausgehen und sich im Körper der Erde verzweigen und die Flüsse entspringen lassen, diese wiederum holen immerfort Wasser vom Grund und haben an der Oberfläche unzählige Male dem Meer das Meer gegeben und das Meer dem Meer genommen.“
Leonardo geht davon aus, dass unter Ozeanen und Landmassen Wasseradern liegen, durch die das Meerwasser auf die Berge gelangt. Von dort fließt es erneut ins Meer.

Warum bedeckt das Wasser nicht die ganze Erde?
„Eingeschlossen ist das Meer zwischen die großen Täler der Erde, die dem Meer als Gefäß dient; und die Ränder dieses Gefäßes sind die Meeresküsten, und würde man sie wegnehmen, so würde das Meer die ganze Erde bedecken; da aber jeder Teil der herausragenden Erde höher ist als die höchste Höhe des Meeres, kann das Wasser nicht über sie hinwegfließen, sondern es begnügt sich damit, die Stellen der Erde zu bedecken, die seinen Grund bilden.“

Wie kommt es zu verschiedenen Steinformen?
„Wenn ein Fluss aus dem Gebirge kommt, führt er in großer Zahl riesige Steine in seinem Bett mit. Und bei seinem Weiterfließen führt er kleinere Steine mit schon abgeschliffenen Ecken mit, das heißt, er macht die großen Steine kleiner. Und im Weiterfließen hat er große Kieselsteine und darauf kleine, dann folgt grober Sand und darauf feiner; dann grober Schlamm und darauf feiner, und so weiter. Bis er ans Meer kommt, ist sein Wasser von Sand und Schlamm getrübt: Den Sand lädt er an den Meeresgestaden ab, und es folgt der Schlamm. Er bleibt nicht am Meeresgestade liegen, sondern kehrt wegen seiner Leichtigkeit mit der Welle zurück, und in Zeiten der Windstille sinkt er ab und bleibt auf dem Meeresgrund liegen.“

Haben Flüsse die Berge zersägt?
 Karte der Toskana und des Chiana-Tals, 1502
Karte der Toskana und des Chiana-Tals, 1502
© Royal Library, Windsor  Karte der Toskana und des Chiana-Tals, 1502
„.. dass sie mit ihrem wandernden Lauf die hohen, von den Bergen eingeschlossenen Ebenen wegtrugen und dass die Berge durchgesägt wurden, lässt sich an den Schichten der Gesteine erkennen, die an den Einschnitten, die von den genannten Flussläufen gemacht wurden, auf beiden Seiten einander entsprechen.“

Wie sind die Meerenge von Gibraltar und das Sinai-Gebirge entstanden?
„Lange Zeit ergoss sich das Wasser des Mittelmeers ins Rote Meer und verzehrte die Flanken des Sinai-Gebirges. Das geschah durch die gewaltige, reißende Wassermasse aller Flüsse, die in großer Zahl ins Mittelmeer flossen, und außerdem durch das rückflutende Meer. Und nachdem im Westen, dreitausend Meilen weit von jenem Ort, der Calpe-Berg durchschnitten und vom Abile-Berg getrennt wurde, da begannen die Wasser des Mittelmeers in den westlichen Ozean zu fließen. Und weil das Wasser immer seichter wurde, ragten dann aus dem Roten Meer die höchsten Stellen heraus, weil die Wasser ihren Lauf dorthin aufgegeben hatten.“

Wie kommt es zu Ebbe und Flut im Mittelmeer und Atlantik?
„Ebbe und Flut werden nicht vom Mond verursacht. Dieser Wechsel, dass das Meer alle sechs Stunden zunimmt beziehungsweise abnimmt, kann durch die Stauung der Wasser entstehen, die von den zahlreichen, im Mittelmeer mündenden Flüssen in dieses Meer geführt werden. Das Mittelmeer wiederum gibt durch die Meerenge von Gibraltar dem Ozean die Wassermassen weiter. Indem sich dieser Ozean ausdehnt, schwillt er in den vielen Buchten an und staut sich. Und da dieses Gewicht die Kraft der herannahenden Wassermassen übertrifft, nimmt das Wasser wieder Schwung in die Gegenrichtung seines Herannahens und drängt vor allem gegen die Meeresenge von Gibraltar, wo sich dieses Wasser geraume Zeit staut und auch das ganze Wasser bleibt, das sie während dieser Zeit aufs neue von den schon genannten Flüssen bekommt.“

Wieso ist der Himmel blau?
„Ich sage, das Blau, in dem sich die Luft zeigt, ist nicht ihre eigene Farbe, sondern es kommt von der warmen Feuchtigkeit, die in winzigen, nicht wahrnehmbaren Teilchen verdampft; diese werden von den Sonnenstrahlen getroffen und dann werden sie hell unter der grenzenlosen Finsternis der Region des Feuers, die sich von außen her wie ein Deckel auf die Luft legt.“

Warum leuchtet der Mond
„Und wenn Du glauben würdest, der Mond habe ein eigenes Licht, dann würdest Du Dich irren; und das Licht, das Du bei seiner Rückkehr mitten in seinem Kreis siehst, kommt daher, dass er unsere Erde sieht, die das Sonnenlicht empfängt, und zum Vollmond wird.“

Wieso kann der Mond Licht spiegeln?
„Hier wird gezeigt, dass der Mond, der kein eigenes Licht hat, das Licht, das er von der Sonne bekommt, weder empfangen noch zu uns zurückwerfen könnte, wenn er keine dichte, glänzende Oberfläche hätte, wie die Oberflächen von Spiegeln und Flüssigkeiten sind.“

Natürlich irrt Leonardo in einigen Punkten. Dennoch überrascht es, wie nahe er der Wahrheit oft kommt – ohne Fernrohr, Sedimentfänger oder anderes Messgerät. Das großartigste Hilfsmittel ist ihm wieder einmal sein Geist, der zu solchen Schlussfolgerungen imstande ist.

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