Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Mehr als nur die Höhe
Der Versuch einer Typologie

Fast die Hälfte der kontinentalen Erdoberfläche ist höher als 500 Meter und immerhin 25 Prozent liegen mehr als 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Doch was genau unterscheidet eigentlich ein Hügelland von einem Hochgebirge? Möglicherweise die genannte absolute Höhe oder doch der relative Höhenunterschied? Typologien der Gebirge und Hügellandlandschaften wurden bereits häufig aufgestellt und doch ebenso häufig wieder verworfen.

Hochgebirge 
Hochgebirge
© IMSI MasterClips
Denn die Tücke steckt wie so oft im Detail. Nach wie vor erfolgt die gängigste Einteilung über den Höhenunterschied zwischen Gebirgsfuß und höchstem Gipfel, die so genannte Reliefenergie. Demnach haben Hügelländer einen Reliefunterschied von maximal 200 Metern, Mittelgebirge hingegen bis zu 1.000 Metern. Erst ab einem Reliefunterschied von über 1.000 Metern wird ein Gebirge auch tatsächlich als „Hoch“gebirge bezeichnet.

Wer würde allerdings das über 5.000 Metern hohe Hochland von Tibet als Mittelgebirge bezeichnen? Denn das Plateau weist zwar alle klimatischen Merkmale eines Hochgebirges auf, doch sind Höhenunterschiede über 1.000 Meter eher die Ausnahme. Und nur wenige der aus dem Hochland aufragenden Berge könnten demnach als „echte“ Hochgebirgsgipfel bezeichnet werden. Wissenschaftler ziehen daher noch andere Merkmale zur Gliederung von Gebirgstypen hinzu, die Landschaftszonen.

Typischerweise sollte ein Hochgebirge im Gegensatz zu den Mittelgebirgen mindestens aus zwei Landschaftszonen bestehen. Prinzipiell kein Problem, denn in der Regel liegen diese nirgendwo so eng beieinander wie im Gebirge. Doch wären nach dieser Definition auch der Schwarzwald oder das Erzgebirge schon längst keine Mittelgebirge mehr. Sie durchstoßen ebenso wie der Harz die Waldgrenze – und zählen demnach eigentlich zu den Hochgebirgen. Hingegen ragt das Vinson Massiv in der Antarktis mehr als 1.500 Meter aus dem Inlandeis heraus, durchstößt allerdings nicht die Gletscherhöhenstufe und wäre demnach trotz seiner Gesamthöhe von fast 5.000 Metern kein Hochgebirge.

Was zeichnet also ein Hochgebirge sonst noch aus? Hangneigungen von über 30°, Auftreten von Wald- und Scheegrenze sowie Vergletscherungen und Bodenfließen, die so genannte Solifluktion. Doch auch hier wiederum keine Regel ohne Ausnahme. Denn die in ihrem Ursprung vom Wissenschaftspionier Carl Troll aufgestellten Kriterien beziehen sich fast ausschließlich auf humide Gebirge. Der Pamir, das Tibesti-Gebirge oder Teile des Karakorum werden hiervon nur unzureichend erfasst.

Ist eine Gliederung der Gebirge also nur Haarspalterei oder doch ernsthafte Wissenschaft? Keineswegs, denn sicherlich können Wissenschaftler eine regionale Typologie der Gebirge unter Berücksichtigung von Höhe, Höhenunterschied, klimatischen Besonderheiten und Hangneigungen erstellen. Doch eine weltumspannende Einteilung in Hochgebirge, Mittelgebirge oder Hügellandschaft ist aufgrund der unterschiedlichen klimatischen und morphologischen Bedingungen nahezu unmöglich.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Gebirgsbildung
Wenn Berge in den Himmel wachsen
Ein geologischer Unfall
Kollision der Kontinente
Himalaja auf der Streckbank
Ein Faltengebirge sorgt für Aufregung
Zerbrechliche Giganten
Alte Berge neu verworfen
Feuriges Erwachen
Vulkanische Gebirge
Nur die Spitze des Eisberges
Gebirge unter Wasser
Falten, Sättel und Klüfte
Im Inneren der Kolosse
Sprechende Steine
Vom Alter der Gebirge
Gipfel am Boden zerstört
Nichts ist für die Ewigkeit
Mehr als nur die Höhe
Der Versuch einer Typologie
Gipfelstürmer
Die höchsten Berge der Kontinente
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen