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Samstag, 20.03.2010
Schimpansen angeln Termiten
Revolution in der Verhaltensforschung

Das Gombe Reservat in Tansania in den 1960er Jahren. Seit einiger Zeit lebt hier eine kaum 30 Jahre alte ehemalige Sekretärin ohne jedes naturwissenschaftliche Studium in freier Natur mit den als extrem gefährlich geltenden Schimpansen zusammen. Im riesigen Nationalpark in der Nähe des Tanganjika-Sees will die selbsternannte Tierforscherin Jane Goodall die Sprache und die Lebensgewohnheiten der großen Menschenaffen aus nächster Nähe studieren.

Der Anthropologe Louis Leakey hat sie auf die engen Verwandten des Homo Sapiens „angesetzt“, um mehr über die Beziehung zwischen Affen und Frühmenschen zu erfahren. Doch das, was Jane Goodall beobachtet, geht weit über diese Aufgabe hinaus, es sorgt sogar für eine Revolution in der Welt der Verhaltensforscher.

Von der Fachwelt aufgrund ihrer Unerfahrenheit und der Kühnheit des Projektes zunächst belächelt, macht die Primatenforscherin eine sensationelle Entdeckung: Auch Tiere benutzen Werkzeuge.

Termitenangeln
Auf ihren langen Wanderungen mit den Schimpansenhorden fällt Goodall schnell das große Interesse der Tiere an Termitenhügeln auf. Sie verweilen dort manchmal auffällig lange und beschäftigen sich intensiv mit den Bauwerken der winzigen Insekten. Der Verdacht liegt nahe, dass die Termiten zu den „Leckerbissen“ auf der Speisekarte der Schimpansen gehören. Doch wie holen sie die kleinen Tierchen aus den Tiefen ihres Baus heraus?

Diese Frage beschäftigt Jane Goodall lange Zeit, ohne dass sie eine Antwort findet. Doch irgendwann ist es soweit: Die Schimpansen sind mittlerweile so sehr an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt, dass Goodall aus geringer Entfernung beobachten kann, wie die Affen mithilfe von Grashalmen oder kleinen Stöckchen die Termiten regelrecht „angeln“. Mit großem Geschick führen sie ihre Werkzeuge tief in die Öffnungen der Termitenhügel ein und holen die Insekten wie an einer Angelrute aus dem Bau heraus, um sie dann mit Begeisterung zu verspeisen.

„Nicht alle Schimpansen zeigen beim Termitenangeln den gleichen Grad der Vollendung, vielmehr gibt es in dieser Hinsicht von Individuum zu Individuum markante Unterschiede. Die Könner verwenden sehr viel mehr Sorgfalt auf die Auswahl und Zurichtung ihrer Werkzeuge. Und sie beweisen sehr viel mehr Geduld bei der Arbeit: Es macht ihnen nichts aus, an einem Termitenhügel bis zu zehn Minuten lang und länger nach der Öffnung zu einem besonders ergiebigen Gang zu suchen, die andere bei ihrer flüchtigen Untersuchung der Gegebenheiten glatt übersehen“, beschreibt Jane Goodall in dem 1994 erschienenen Buch „Von Schimpansen und Menschen“ ihre Beobachtungen in Gombe.

Schimpansen als Werkzeugbauer
Die Pionierin der Primatenforschung entdeckt in Gombe jedoch fast noch Unglaublicheres: Die Schimpansen benutzen nicht nur Werkzeuge um Beute zu machen, sie stellen diese auch noch selber her. Denn die benutzten Grashalme, Ranken, Triebe oder Stöckchen werden zunächst ausgiebig begutachtet und dann perfekt an die Bedürfnisse der Tiere angepasst.

„Was das wohl eindruckvollste Moment an der Leistung des Schimpansen ist, habe ich bereits erwähnt: die sorgfältige Auswahl, ja sogar Zurichtung eines Werkzeugs zum Gebrauch an einem ein gutes Stück weit entfernt und außer Sichtweite liegenden Termitenhügels. ... In anderen Fällen wiederum müssen die Blätter von einem Zweig abgestreift, muss die die Rinde von einem Aststück abgeschält, müssen die Kanten eines breiten Grasblatts gestutzt werden. Manche Schimpansen verhalten sich beim Aussuchen der Gegenstände, die sie als Werkzeuge verwenden werden sehr wählerisch – wobei sie die Kriterien von Fall zu Fall wechseln, vermutlich je nach der aktuellen Problemlage“, berichtet Jane Goodall.

Und noch etwas registriert Goodall mit großem Erstaunen: Schimpansen zeigen zumindest Ansätze von Kulturverhalten. Die Jungtiere erlernen von den Erwachsenen die Technik des Termitenangelns durch Nachahmung. Die nicht durch Instinkt erworbenen sondern erlernten Fähigkeiten werden so von Generation zu Generation weitergegeben.

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