Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Wahrnehmen
Wir sehen Gestalten

Prägnante Formen werden leichter wahrgenommen - hier zwei Dreiecke 
Prägnante Formen werden leichter wahrgenommen - hier zwei Dreiecke
© Daniela Baum
Mit der Aufnahme von Lichtreizen über das Auge ist es noch lange nicht getan. Eine Eins-zu-Eins-Wiedergabe des Gesehenen heißt nicht, dass wir es auch verstehen. Vielmehr bedarf es einer Musteranalyse im Gehirn: Die weitergeleiteten Lichtreize müssen zunächst interpretiert werden, bevor wir sie einordnen können. Ein Großteil des Sehens findet demnach erst im Gehirn statt.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Psychologen dem Prinzip, auf die Schliche. Die "Gestalttheorie" nach dem Frankfurter Professor Max Wertheimer besagt, dass der Mensch gar nicht anders kann, als "Gestalten" zu sehen. Wir nehmen nie eine Summe oder Folge von einzelnen Sehreizen wahr, sondern das Bild als Gesamtheit. Dieses stellt etwas komplett anderes dar als die Summe seiner Einzelempfindungen, denn unser Wahrnehmungssystem fasst die einzelnen Bildbestandteile nach Gruppierungsgesetzen zu Gestalten zusammen. Dabei streben unsere Sinne stets nach Ordnung, nach einer möglichst einfachen, sinnvollen Interpretation des Gesehenen. Wolfgang Metzger, ein Vertreter der Gestaltpsychologie, nennt diesen Zustand auch "Lieblingskind der Sinne".

Gruppierungs- und Gestaltungsgesetze
Den übergeordneten Gedanken der Gestaltungsgesetze fasst das "Prinzip der Prägnanz" zusammen: Das Wahrnehmungsergebnis wird immer so gut sein, wie es die herrschenden Bedingungen erlauben. "Gut" umfasst nach dem Psychologen Ernst Koffka Eigenschaften wie Regelmäßigkeit, Symmetrie, Geschlossenheit, Einheitlichkeit, Ausgeglichenheit, maximale Einfachheit, Knappheit und die Tendenz zur Orientierung senkrecht-waagrecht.

Die Betrachtung einer Szene führt demnach immer zur Wahrnehmung einer möglichst einfachen Struktur. Sehr prägnante Formen sind beispielsweise Kreise, rechte Winkel und Geraden.
Die grundlegenden Gruppierungsgesetze, nach denen unsere Wahrnehmung eine Musteranalyse vollzieht, lauten folgendermaßen:

Gesetz der Ähnlichkeit
Ähnliche Elemente werden zu in sich möglichst einheitlichen Gruppen zusammengefasst.

Gesetz der Nähe
Die Gruppierung erfolgt auf Grundlage eines möglichst geringen Abstands der Objekte, so dass möglichst dichte und stark voneinander isolierte Gruppen entstehen. Das Gesetz der Ähnlichkeit wird überstimmt.

Gesetz der guten Fortsetzung
Linien, die einen durchgehenden Linienzug besitzen und möglichst wenig gekrümmt sind, gruppieren sich am besten zu einer sinnvollen Einheit.

 Durch Erfahrung sind wir in der Lage, den Buchstaben zu erkennen
Durch Erfahrung sind wir in der Lage, den Buchstaben zu erkennen
© Daniela Baum
Gesetz der Geschlossenheit
Geschlossene Linienzüge vereinigen sich leichter zu einer Gestalt als solche, die keine Fläche umschließen. Überstimmt das Gesetz der Nähe.

Gesetz der Erfahrung
Vorwissen und Erfahrung spielen bei der Gruppierung von Bildelementen eine bedeutende Rolle.

Gesetz des gemeinsamen Schicksals
Sich in die gleiche Richtung bewegende Elemente werden als Gruppe wahrgenommen

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Sehen
Das menschliche Auge
Wahrnehmen
Wir sehen Gestalten
Täuschen
Irrungen - Wirrungen
X für ein U? - das Gehirn wird ausgetrickst
Geometrisch-optische Täuschungen
Von Scheinriesen und Zwergen
Die Größenkonstanz
Von gedachten Figuren und weißerem Weiß
Formen und Helligkeit
Ich sehe was, was du nicht siehst
Ambivalente Bilder
Die Sinneszellen sind übersättigt
Nachbilder
Sein oder nicht sein
Umögliche Objekte
Die Fata Morgana
Blau hinter Wüst und Heere, der Streif erlogner Meere
So nah und doch so fern
Die Mondtäuschung
Virtuelle Fernsehwelten
Die Bluebox-Technik
Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
Mit Bildern lügen
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen