Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Tagebuch der Evolution
Bernstein im Dienste der Paläontologie

Der erste Gladiator kommt aus Namibia, nicht etwa aus Rom. Dort lebt er noch immer, seit 45 Millionen Jahren. Der Gladiator ist ein Raubinsekt, halb Stabheuschrecke, halb Gottesanbeterin und ein lebendes Fossil. Vor zwei Jahren hat ihn der deutsche Biologe Oliver Zompro entdeckt.

Ein bis dahin nicht klassifiziertes Insekt in Baltischem Bernstein hatte Zompros Interesse erregt. Von Kollegen erhielt er Vergleichs-Exemplare, allerdings getrocknete Tiere der Jetztzeit, nur wenige Jahre zuvor gesammelt. Eine Expedition zum Brandberg in Namibia fand dann tatsächlich lebende Exemplare des immer noch namenlosen Insekts. Als „Gladiatoren“ getauft, begründeten sie die völlig neue Insekten-Ordnung der Mantophasmatodea.

Sensationen dieser Art birgt der Bernstein zwar nur selten, doch sie zeigen den Rang der Inklusen bei der Stammbaumforschung heutiger Arten. Denn beim Vergleich mit den fossilen Vorgängern werden Verwandtschaften, evolutionäre Sackgassen oder „Läuterungen“ vom Fleisch- zum Pflanzenfresser offen gelegt.

Von besonderem Interesse für Paläontologen sind Bernsteine aus der Kreidezeit. In der Zeit der Dinosaurier liegen die Wurzeln unserer heutigen Tier- und Pflanzenwelt. Noch als unbedeutende Nischenbewohner erschienen vor 140 bis vor 65 Millionen Jahren die ersten Blütenpflanzen und mit ihnen Bienen, Schmetterlinge und Ameisen. Als die Saurier an der Kreide-Tertiär-Grenze vor 65 Millionen Jahren ausstarben, bekamen die jungen Arten ihre Chance und eroberten ihrerseits die Erde.

Die älteste im Bernstein entdeckte Biene ist aus der Kreidezeit und mehr als 90 Millionen Jahre alt. Sie wurde in einer Bernstein führenden Schicht einer Tongrube in New Jersey gefunden. Aus der gleichen Lagerstätte stammen auch der älteste Falter, der sich gerade vom blut- zum nektarsaugenden Insekt entwickelte, und die älteste Ameise.

Doch Einzelfunde können auch Ausreißer der Natur sein. Eine Ameise allein steht nicht für die Evolution einer ganzen Art, Gattung oder Familie. Repräsentativ werden Fossilien-Funde immer erst durch weitere, ergänzende Stücke.

Im Tode vereint, doch auch im Leben?
 Im Tode vereint: Fliegenschwarm
Im Tode vereint: Fliegenschwarm
© Wolfgang Weitschat  Im Tode vereint: Fliegenschwarm
Paläobiologen rätseln noch heute über das Spektrum des Lebens im Bernsteinalter. Vor allem für den Baltischen Bernstein liegt mit geschätzt knapp 10.000 Arten eine natürlich unvollständige, aber trotzdem relativ umfassende Systematik der Tiere und Pflanzen vor. Doch dieses Register beruht auf allen Inklusen-Funden im Bernstein – unabhängig davon, ob die Individuen zu Lebzeiten oder bereits tot, zur gleichen Zeit oder nacheinander im Harz eingeschlossen wurden.

Deshalb stellt sich die Frage, ob alle diese Arten den Bernsteinwald bevölkert haben, oder ob sie lediglich bestimmte Zeitfenster und einzelne Regionen repräsentieren. Verglichen mit heute stellen die Bernsteinfunde ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Pflanzen und Tiere gemäßigter, tropischer und subtropischer Klimate dar. Es scheint unmöglich, sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu vermuten.

Und doch ist diese Annahme richtig. Im Bernsteinalter, dem Eozän, herrschten über weite Gebiete gleiche Temperaturen, subtropische und tropische Pflanzen bewuchsen riesige Areale über viele Breitengrade hinweg. Am Ende des Eozäns, vor rund 35 Millionen Jahren, sorgte jedoch ein Asteroidenschauer für gewaltige Umweltveränderungen – das letzte große Artensterben der Erdgeschichte und die Entstehung scharf abgegrenzter Vegetationsgürtel. Die Folge waren wenige, stark spezialisierte Insekten und Pflanzen, die nur in bestimmten Gebieten überleben konnten. Verglichen mit dem bunten Garten Bernsteinwald ist die heutige Flora und Fauna dagegen die reinste Monokultur.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Bernstein
Fenster zur Vergangenheit
Das Geheimnis des Bernsteinwalds
Zur Entstehung des Bernsteins
Trapped in time
Die Welt der Inklusen
Die Biene als Einmachglas oder Wie baut man Dinosaurier
Jurassic Park und die DNA im Bernstein
Tagebuch der Evolution
Bernstein im Dienste der Paläontologie
Blaue Erde und Blaue Dominikaner
Bernstein-Fundorte weltweit
Bernsteinzimmer – Klappe, die Erste
Das Original bleibt verschwunden
Bernsteinzimmer – Klappe, die Zwote
Die Auferstehung des Achten Weltwunders
Vom Börnstein zur Elekrizität
Kleine Etymologie des Bernsteins
Römer, Wikinger und der VEB Ostseeschmuck
Bernstein als Wirtschaftsfaktor
Bernstein – selbst gesucht
Tipps und Tricks für Sammler
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen