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Freitag, 10.02.2012
Das Geheimnis des Bernsteinwalds
Zur Entstehung des Bernsteins

Europa vor 50 Millionen Jahren, im Eozän. Die Dinosaurier sind seit 15 Millionen Jahren tot, Eurasien und Amerika über eine Landbrücke verbunden, und Afrika nimmt Anlauf zur Erschaffung der Alpen. Die Erde erlebt eine ihrer heißesten Phasen, in Mitteleuropa herrscht tropisches Klima, Krokodile leben kurz vor dem Nordpol.

Regenwald in Borneo 
Regenwald in Borneo
© Jan Beck  Regenwald in Borneo
In Skandinavien, von Schonen über die noch nicht existierende Ostsee hinweg bis nach Russland hinein, erstreckt sich ein riesiger Urwald. Er ähnelt den heutigen Regenwäldern Südostasiens, Floridas oder der Kanaren. Hier wachsen vor allem Nadelbäume – Kiefern, Fichten, Zedern – aber auch Zypressen, Gingkos und Eichen. Hier liegt die Wiege aller europäischen Bernstein-Vorkommen: der Bernsteinwald.

Anders als bei heutigen Koniferen ist das Harz der tertiären Nadelbäume sehr dünnflüssig. Vor allem Pinites succinifera, eine in großer Zahl vorkommende Kiefernart, sondert Unmengen von Harz ab. Es tritt aus der Rinde aus, sammelt sich in Hohlräumen oder tropft aus Astgabeln. Verletzungen stimulieren den Harzfluss besonders.

 Harz am Baum
Harz am Baum
© Walter J. Pilsak, GNU Freie Dokument.lizenz  Harz am Baum
Bricht ein Ast ab, wird die Wunde mit einem „Pflaster“ aus Harz erstversorgt. Pinites succinifera stößt dabei soviel Baumsaft aus, dass ein Großteil davon am Stamm herunterfließt. Langsam wird das Harz zähflüssig, verklebt die schartige Baumrinde.

Die hellgelbe Farbe und der intensive Duft des Harzes ziehen vor allem geflügelte Insekten magisch an – Fliegen, Mücken, Bienen. Auf Futtersuche fliegt eine Langbeinfliege Diptera zu einer Kiefer und lässt sich auf dem goldgelben Baumsaft nieder. Ein Fehler: Das herab rinnende Harz wird zur Falle. Vergeblich schlägt die Fliege mit den Flügeln, Beine und Hinterleib kleben bereits fest. Immer weiter sinkt sie ins Harz hinein. Es gibt kein Entkommen. Von oben fließt ein neuer Schub Harz nach und begräbt die Fliege unter sich. Der Todeskampf währt nur Sekunden. Schicht um Schicht wird das Opfer nun vom Harz umhüllt. Schließlich bildet sich ein großer Brocken, der sich von der Rinde löst und auf den Waldboden fällt.

Hier liegen schon zahlreiche tropfen-, zapfen- oder nadelförmige Harz-Bröckchen. Auch mehrere Kilogramm schwere Stücke sind dabei, sie sind in Hohlräumen unter der Baumrinde entstanden und beim Umstürzen toter Bäume herausgebrochen. Das Harz ist noch weich, leicht klebrig und riecht aromatisch. Während es im Laufe von Jahren an der Luft trocknet, entweichen seine leichtflüchtigen Bestandteile. Danach polymerisieren die Moleküle zu langen Kohlenstoffketten. Durch die sich verbindenden Molekül-Knäuel wird das Harz zunehmend fester. Es wird zu Kopal. An der Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt verwittert der Kopal binnen weniger Jahrhunderte. Er trocknet stark aus, bekommt Risse, oxidiert, zerspringt in Stücke und zerfällt schließlich.

Obwohl der Bernsteinwald Millionen Tonnen Harz produziert, wird das meiste davon an der Luft zerstört. Nur im Wasser sind das Harz und der Kopal unlöslich und deshalb haltbar. Die Rettung für den Schatz des Bernsteinwalds: Moore, Flüsse und das Eozän-Meer. Dieses liegt nordwestlich des europäischen Kontinents an der Stelle der heutigen Nordsee. Das Meer ist Auffangbecken für zahlreiche Flüsse, die den Bernsteinwald durchziehen. Die Flüsse spülen das Harz und den Kopal aus dem Waldboden und retten sie vor der Verwitterung. Auch die in ihrem goldenden Sarg gefangene Fliege Diptera gelangt so bis ans Meer. Als das Eozän-Meer weiter nach Osten vordringt, überschwemmt es einen großen Teil des Bernsteinwalds. Mit den Bäumen werden nochmals Unmengen an Harz und Kopal vom Wasser bedeckt und nach und nach luftdicht abgeschlossen in die marinen Sedimente eingebettet.

Hunderttausende von Jahren abgelagert ohne Sauerstoff, unter dem Druck der darüber liegenden Schichten und im Zuge zahlreicher Umlagerungen verknoten sich die Molekülfäden der Harzmasse immer mehr, der Kopal wird glasig, durchscheinend, spröde und schließlich – zu Bernstein.

Der Bernsteinwald in Europa hat zehn Millionen Jahre lang existiert, bis er einem drastisch kühleren Klima zum Opfer fiel. Aufgrund seiner Fläche ist ihm das größte Bernsteinvorkommen der Welt zu verdanken, der Baltische Bernstein, der heute vor allem an der Ostseeküste zu finden ist.

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