Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Aus der Geschichte sollt ihr lernen...
Menschenfresserei - eine "never-ending story"?

Dass der Mensch beim Kannibalismus durchaus alte Traditionen pflegt und sich anscheinend sogar an seine Ursprünge erinnert, offenbart ein Blick in die Geschichte.

Tatort Rhonetal vor 100.000 Jahren. Hier lebte damals ein guter alter Bekannter des heutigen Menschen, der Neandertaler. Was bis dahin niemand auch nur vermutet hatte, bewiesen 1999 Wissenschaftler des CNRS Anthropology Labroratory in Marseille unter der Leitung von Alban Defleur: Die Neandertaler waren Kannibalen - zumindest gelegentlich!

Frühmenschen 
Frühmenschen
© IMSI MasterClips
Ihre Ergebnisse basierten auf insgesamt 78 Knochenfunden von sechs ermordeten Humanoiden, zwei erwachsenen, zwei "Teenagern" und zwei Kindern in der Höhle Moula Guercy, die in der Region Ardeche hoch über der Rhone thront. Von den entdeckten Skelettteilen - so die Forscher - hatte man fein säuberlich das Muskelfleisch entfernt. Zahlreiche Knochen waren zudem aufgebrochen und das wertvolle, nahrhafte Mark ausgesaugt worden. Bei einem der Kinder fehlte sogar die Zunge.

Da zu der Zeit außer dem Neandertaler niemand aus der menschlichen Ahnengalerie diese Region bewohnte, schlossen die Wissenschaftler, dass es sich hier eindeutig um Kannibalismus gehandelt haben müsse.

Die Gründe für diese "Barbarei" jedoch blieben unklar. Wurden die Neandertaler ausschließlich als Nahrung von Ihresgleichen getötet oder spielten doch eher religiöse oder rituelle Gründe eine Hauptrolle? Die Forscher wissen es einfach nicht.

Menschenopfer auf den Osterinseln
Aber man muss gar nicht soweit zurück in die Vergangenheit gehen, um auf Kannibalismus zu stoßen. Glaubwürdige Berichte über Menschenfresserei gibt es auch von der Osterinsel. Die Bewohner, eingewanderte Polynesier aus der umliegenden Inselwelt, brachten im Rahmen ihres jährlichen Nationalfestes jahrhundertelang ihren Göttern Menschenopfer, die dann von den Häuptlingen mit Begeisterung verspeist wurden.

Im zwölften Jahrhundert dagegen, so ermittelten Wissenschaftler der University of Colorado Scholl of Medicine, grassierte die Menschenfresserei auch unter den Ureinwohnern Amerikas. Damals wütete eine verheerende Dürre im Bereich des heutigen US-Bundesstaats Colorado und ließ die Nahrungsmittel knapp werden. Der einige Ausweg zum Überleben: Kannibalismus!

Die Eroberung des amerikanischen Westens 700 Jahre später ging wohl ebenfalls nicht ohne das Verzehren von Artgenossen vonstatten. Auf den Trecks soll es nach Augenzeugenberichten während extremer Hungerzeiten ebenfalls wiederholt Fälle von Kannibalismus gegeben haben.

Der Hunger war aber auch in Europa während der großen Weltkriege der Grund für Auswüchse von Kannibalismus. Kriegsberichterstatter dokumentierten in mehreren unabhängigen Schilderungen, dass Leichenteile von gefallenen Feindsoldaten gelegentlich auch hier den Speiseplan von Armeeangehörigen oder der Zivilbevölkerung bereicherten...

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Kannibalismus
"Dinner for One" unter Artgenossen
Was ist Kannibalismus?
Fressen von Individuen der eigenen Art
Alles reine Fiktion?
Menschlicher Kannibalismus als Massenunterhaltung
Alles doch keine Fiktion!
Kannibalismus gibt es überall
Aus der Geschichte sollt ihr lernen...
Menschenfresserei - eine "never-ending story"?
Ausnahme oder Regel?
Wie häufig ist Kannibalismus?
Jenseits aller Normen
Welche Gründe gibt es für Kannibalismus?
Kindermord hat Tradition
Wenn Eltern ihren Nachwuchs verspeisen...
Geschwistermord bei Tieren
Die Gnade der späten Geburt?
Wenn Liebe durch den Magen geht...
Von Spinnen und Gottesanbeterinnen
Massaker in Hungerszeiten
Mord im Wolfsrudel
Federpicken und Kannibalismus
Tiere in Agrarfabriken
"Aus deutschen Land frisch auf den Tisch"
Was hat BSE mit Kannibalismus zu tun?
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen