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Freitag, 10.02.2012
Kindermord hat Tradition
Wenn Eltern ihren Nachwuchs verspeisen...

Anders als beim menschlichen Kannibalismus, der sich überwiegend auf das Verspeisen von Erwachsenen beschränkt, kommt es bei bestimmten Tierarten auch häufiger vor, dass ältere Tiere zu Kindermördern werden. Nahrungsmangel und Überbevölkerung sind auch hier wichtige Gründe für den Kannibalismus.

Werden beispielsweise bei Mäusen im Rahmen der Fortpflanzung mehr Jungtiere geboren, als ernährt werden können, kommt es zu starken sozialen Entgleisungen. Die Mütter, die sich zu Anfang liebevoll um ihre Kleinen gekümmert haben, zeigen dann meist keine Hemmungen mehr, die "überschüssigen" Nachkommen gnadenlos zu verspeisen. Der Spruch "ich habe dich zum Fressen gern" wird hier in sehr brutaler Form mit Sinn gefüllt. Diese Aufwandsreduzierung bei der Brutpflege in Hungerzeiten hat jedoch den Vorteil, dass die verbliebenen Jungen problemlos aufwachsen können und so die eigene Gene trotz der Krisensituation verbreitet werden.

Besondere Berühmtheit beim Kindermord hat aber erstaunlicherweise der König der Tiere, der Löwe, erlangt. Den Ablauf dieser regelmäßig zu beobachtenden Massaker, so haben Wissenschaftler herausgefunden, muss man sich folgendermaßen vorstellen: Abenteuerlustige, umherstreifende "Junggesellenbanden" überfallen zunächst ein bestehendes Rudel und bringen die ehemaligen Herrscher kaltblütig um. Manchmal kommt es schon dabei zu kannibalistischen Akten, wenn der unterlegene Löwe von den Angreifern aufgefressen wird.

Wenig später aber geht das mörderische Spiel erst richtig los. Statt sich über die Eroberung der Weibchen zu freuen, machen sich "die neuen Machthaber" erst einmal auf die Suche nach den Jungtieren des Rudels. Nest für Nest wird aufgespürt und geplündert. Die Babys landen fast ausnahmslos im Rachen oder im Magen der Männchen. Bei diesem aus unserer Sicht barbarisch anmutenden Akt zeigen die Herren der Schöpfung eine erstaunliche Ausdauer. Tagelang streifen die Männchen durch das Revier des Rudels und suchen nach immer neuen Verstecken.

Das Ausmass dieses Kannibalismus unter Löwen hängt wie so oft bei diesem Phänomen direkt mit der Populationsdichte zusammen. Das ganze lässt sich in einer einfachen Formel zusammenfassen: Bei Überbevölkerung gibt es zahlreiche Junggesellenbanden und damit auch viele Überfälle auf bestehende Rudel. Die Folge: Die Königsmorde und die Kindermorde häufen sich. Damit sinkt aber auch der Bevölkerungsdruck und es entstehen weniger Junggesellenbanden...

Gibt es weitere Gründe für dieses erstaunliche Verhalten der Löwen? Und warum verteidigen die Weibchen ihre Kinder nicht mit Krallen und Zähnen? Lange Zeit vermutete man in Ethologenkreisen, dass der Kindermord seine Ursache darin hat, die Weibchen möglichst schnell wieder paarungsbereit und empfänglich für die Verbreitung der Gene der neuen "Paschas" zu machen.

In Wahrheit aber - so weiß man heute - sind die Hintergünde für den Kindermord viel komplizierter. Die Weibchen verteidigen ihre Jungtiere während dieser Tötungsorgien durchaus, nur wählen sie offenbar einen anderen Weg als die offene Konfrontation, um zu retten was noch zu retten ist. Die Löwinnen umgarnen die neuen Herrscher sogar regelrecht und versuchen sie so von ihren Nestern abzulenken. Unbeobachtet Momente nutzen die Weibchen dann, um den Nachwuchs von gefährdeten Stellen in Sicherheit zu bringen.

Während dieser Phase, so haben Verhaltensforscher festgestellt, produzieren die Königinnen der Steppe einen besonderen Duftstoff, der die aggressiven Männchen mit der Zeit ruhigstellt und den Jungen gegenüber friedlich stimmt. Sind die neuen Machthaber erst ausreichend betört, besteht auch keine Gefahr mehr für die Jungtiere. Das Aphrodisiakum hat gewirkt, die List war erfolgreich.

Der größte Vorteil aber bei diesen Kriegsspielchen unter Artgenossen: Eroberer und Eroberte haben zusammengefunden und sind bereit den verbliebenen Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen. Der Blutzoll für diese neue Rudelharmonie jedoch ist hoch. Der Tod der zahlreichen Junglöwen wird aber von allem Beteiligten scheinbar billigend zur Kenntnis genommen...

Auch Krokodile und Alligatoren kennen wenn es um Fressen geht keine Rücksicht auf die engste Verwandtschaft. Werden die Eier und die frisch geschlüpften Jungtiere von der Mutter zunächst noch mit Feuereifer und allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen potentielle Feinde bewacht, sieht es einige Zeit später ganz anders aus. Trifft die Krokodil-Mama ihre Teenager nach mehreren Monaten in freier Wildbahn wieder, müssen sich die Jungtiere gelegentlich blitzschnell in Sicherheit bringen, um nicht im Rachen der Erzeugerin zu verschwinden.

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