Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Das Humangenomprojekt und die Folgen
Von der Realisierung eines "gläsernen Menschen"

Zuerst die gute Nachricht: Das Humangenomprojekt (HPG) ist abgeschlossen. Seit April 2003 gilt das menschliche Genom als entschlüsselt. Die schlechte Nachricht: Das Ergebnis ist auf den ersten Blick schlichter Informationsmüll von 3,2 Milliarden aneinandergereihten Buchstaben A, T, C und G. Was fehlt ist die sinngebende Übersetzungsarbeit. Diese wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch die Vorantreibung der Proteomforschung, so wird es jedenfalls erhofft, erfolgen.

 Chromosom
Chromosom
© IMSI MasterClips
Das Genom - Eine große Herausforderung
Bereits Ende der achtziger Jahre schlossen sich internationale Wissenschaftler zur Humangenomorganisation (HUGO) zusammen. Ihr Projekt: den Gesamttext des menschlichen Erbguts zu entziffern. Ein Gewaltakt. Drei Milliarden Buchstaben, drei Milliarden Dollar, 15 Jahre Arbeit - so lautete die damalige Kalkulation.

Seit 1995 ist auch Deutschland an dem weltweiten Humangenomprojekt beteiligt. Das deutsche Humangenomprojekt (DHPG) wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Dabei ist die Genomforschung nicht nur von herausragendem wissenschaftlichen und medizinischen Interesse, sonder birgt auch ein enormes wirtschaftliches Potenzial für Forschung und Pharmaindustrie.

Konkurrenz belebt das Geschäft
Vor allem durch den seit 1998 ausgeführten Wettstreit mit der privaten Biotech-Firma Celera Genomics des US-Genetikers Craig Venter wurden die Forschungsarbeiten in den letzten Jahren verstärkt vorangetrieben. Die beiden Genomprojekte einigten sich 2001 auf ein Unentschieden und veröffentlichten parallel eine erste "Arbeitsversion" ihrer noch lücken- und fehlerhaften Ergebnisse der Erbinformation in den Zeitschriften Nature und Science.

Schließlich gaben die Forscher des internationalen Humangenomprojekts im April 2003, zwei Jahre früher als geplant, die korrekte Entschlüsselung des menschlichen Genoms in Washington bekannt. Die Forschungsergebnisse stehen jedem im Internet kostenlos zur Verfügung.

 Genbuchstaben
Genbuchstaben
© DHGP/Hoch 3
Trotz aller Erfolge: Einiges bleibt noch immer im Verborgenen. Bei einer Genauigkeit von über 99 Prozent konnten einige Bereiche des Genoms, besonders in der Mitte (Centromer) und an den Enden (Telomer) der Chromosome mit der herkömmlichen Sequenzierungstechnik noch nicht zuverlässig entziffert werden. Die Wissenschaftler sind zudem enttäuscht: Das menschliche Genom besteht "nur" aus rund 30.000 Gene und besitzt damit nur dreimal soviel Erbgut wie die 10.000 Gene der Taufliege Drosophila melanogaster.

Eine Ethikfrage: Gendatenbanken
Durch die Entschlüsselung des Genoms ein Stück näher auf dem Weg zum "gläsernen Menschen", rückt erneut die Diskussion über Gendatenbanken in den Mittelpunkt. Per Gesetz sicherte sich in Island bereits 1998 die private Biotech-Firma deCode genetics für rund 25 Millionen Dollar die Rechte zum Aufbau und Betrieb einer nationalen Gendatenbank. Damit besitzt die Firma medizinische Informationen und die Rechte einer kommerziellen Verwertung zentral gesammelter Krankendaten über jeden einzelnen der knapp 275.000 lebenden, sowie verstorbenen Isländer. Beim molekularem Vergleich des Genpools wurden bereits Gene entdeckt, die mit Alzheimer, Schlaganfall, Osteoarthritis, Schüttellähmung oder Bluthochdruck in Verbindung gebracht werden. Ihre Forschungsergebnissse verkauft die Firma deCode vorwiegend an Arzneimittelhersteller. Nach zwölf Jahren soll die Datenbank in den Besitz des Staates übergehen.

Auch das südpazifische Inselreich Tonga und die Regierung Estlands streben eine nationale Gendatenbank an. Die derzeit größte Datenbank hat Großbritannien, wo bereits mehr als eine Millionen DNA-Profile von Verdächtigen und verurteilten Kriminellen gespeichert sind.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Happy Birthday DNA
Wie "zwei Clowns" die Wissenschaft revolutionierten
Die Polymerase-Kettenreaktion
Trennen, kopieren, trennen, kopieren...
Die Sprache der Gene
Wie funktioniert der Informationsaustausch?
Molekulare Kriminalistik
Ein DNA-Test klärt auf
Der Vaterschaftstest
Ist es ein "Kuckuckskind"?
Die Telomere
Längere Enden - Längeres Leben
Das Humangenomprojekt und die Folgen
Von der Realisierung eines "gläsernen Menschen"
Proteomiks
Proteine verstehen lernen
Meilensteine
Chronologie der Genetik
Von A bis Z
Kleines Lexikon der Genetik
und mehr...
Zum Weiterlesen...
Links und Literatur zum Thema
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen