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Der Baikalsee - eine Kloake?
Folgen von Besiedlung und Industrialisierung

Fischer 
Fischer
© Uni Osnabrück
Neben den burjätischen Ureinwohnern leben heute Menschen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion im Baikalgebiet. Gerade nach dem Zusammenbruch der UdSSR sicherte der See ihnen in der anhaltenden wirtschaftlichen Notlage ihre Existenz, indem er sie mit allen zum Leben notwendigen Grundstoffen versorgt. Diese intensive Nutzung birgt eine immense Gefahr für den Baikal: Überfischung, Abholzung, unkontrollierte Jagd auf Baikalrobben und anderes Wild sind nahezu unvermeidliche Folgen. Durch die Holzflößerei sinken Baumstämme und Rindenmaterial auf den Grund der Flüsse und deren Mündungsbereiche, sodass viele Fischarten ihre Laichplätze verloren.

Das größte Problem jedoch stellt die angrenzende Industrie dar, die lange nahezu ungeklärte Abwässer in den See und seine Zuflüsse leitete und so Menschen, Tiere und Pflanzen im und am Baikal bedroht. 16 Städte und 50 Industriebetriebe sind am See gelegen, darunter drei Wasserkraftwerke, Aluminiumproduktion, chemische Industrie und zwei Zellulosefabriken.

Der Süden des Sees ist stärker besiedelt, dort befinden sich auch die beiden Zellstoffkombinate. Das eine befindet sich am Fluss Selenga, in der Stadt Selenginsk. Vor einigen Jahren wurde es so umgestellt, dass jetzt es einen geschlossenen Wasserkreislauf hat. Die Wasserqualität des Sees in diesem Bereich hat sich deutlich verbessert.

Das andere Kombinat liegt im Südosten, in Baikalsk. Neben der enormen Luftbelastung durch Schadstoffe wie NOx und SO2 verschmutzt es das Wasser im Umkreis von 15 Kilometern. Die Anzahl der Flusskrebsarten ist inzwischen von 50 auf fünf gesunken, bei einzelnen Tieren und Pflanzen wurden genetische Veränderungen nachgewiesen.

Wie in Robben und Fischen wurden auch in den Eiern von Kaiseradlern, die entlang des Selengas nisten, chlororganische Verbindungen nachgewiesen. Darunter das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT, das vermutlich aus den Abgasen chinesischer DDT-Fabriken stammt. Die Folge sind sinkende Zahlen an Kaiseradlern und anderer Adlerarten in den letzten Jahren.

In den achtziger Jahren ging in der Weltpresse die Nachricht um, dass der Baikalsee kurz vor dem Umkippen sei – eine einzige Kloake. Dies war wohl stark übertrieben – noch heute hat das Wasser des Sees an vielen Stellen hohe Trinkwasserqualität. Verglichen mit europäischen Seen ist das Ökosystem des Baikalsees noch weitgehend intakt.

Aufgrund der niedrigen Temperatur, der hochspezifischen Arten und der mangelnden Durchmischung sind Flora und Fauna jedoch sehr empfindlich gegenüber jeder Art von Eingriff und sind daher potentiell stark gefährdet. Besondere Angst hat man um den noch weitgehend unberührte Norden des Sees. Dort führt die Baikal-Amur-Magistrale – eine Eisenbahnhochleistungsstrecke – vorbei und wird vermutlich eine intensive Besiedelung innerhalb kürzester Zeit nach sich ziehen. Zudem gibt es bisher noch zahlreiche unerschlossene Lagerstätten rund um den See, deren Erschließung eine stärkere Industrialisierung und Umweltverschmutzung der Baikalregion als Folge hätte.

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