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Donnerstag, 09.02.2012
Eine Welt der Düfte
Ameisenstraßen

Formica rufa - die Rote Waldameise 
Formica rufa - die Rote Waldameise
© Joachim Langstein
So wichtig wie für uns heute das Handy sind für Ameisen bei der Kommunikation chemische Signale, so genannte Pheromone. Dabei handelt es sich meist um ein Gemisch aus vielen verschiedenen Kohlenwasserstoffen, die von speziellen Drüsen der Ameisen hergestellt werden. Die Ameisen markieren damit ihre Straßen, aber ebenso gut auch die Eier während der Fortpflanzung und stellen so Informationen für ihre Artgenossen bereit.

Egal ob drohende Kriege mit benachbarten Völkern, der kürzeste Weg zur Nahrung oder der Weg zurück zum Bau: fast alle zum Überleben wichtigen Nachrichten erhalten Ameisen über den Geruchssinn. Um die Signale aufnehmen zu können, sind auf den Antennen der Tiere zahlreiche Rezeptoren zu finden, die selbst feinste Duftspuren noch wahrnehmen können.

Beispiel Nahrungssuche bei Ernteameisen
„Vom Nest führen in die Umgebung ausgetretene Straßen, auf denen die Ameisen jeden Pflanzenwuchs unterdrücken“, – mehr als diese dürftige Information hatten die Schulbücher 1971 über Ameisenstraßen noch nicht zu bieten. Seitdem hat sich das Wissen über das große Krabbeln auf den „Autobahnen“ des Ameisenstaates vervielfacht.

 Ernteameisen
Ernteameisen
© Bert Hölldobler / Universität Würzburg
Wissenschaftler um Professor Bert Hölldobler und Jürgen Liebig von der Universität Würzburg haben beispielsweise das Verkehrssystem der Ernteameisen im Südwesten der USA entschlüsselt: Hat eine der unzähligen Späherinnen einer Ameisenkolonie eine Futterstelle mit reichlich Pflanzensamen entdeckt, legt sie mithilfe von Drüsensekreten, die unter anderem das Pyrazin, einen flüchtigen Botenstoff enthalten, eine Duftspur an.

Diese wird von anderen Koloniebewohnern aufgespürt und im Handumdrehen wird aus einem „Feldweg“ eine „viel befahrene Ameisenautobahn“. Immer mehr Tieren folgen dem Duft bis zur Nahrungsquelle und sichern so die Ernährung und das Überleben der ganzen Kolonie.

Individuelles Parfum für jede Kolonie
Eine Beobachtung gab den Wissenschaftlern jedoch Rätsel auf. Obwohl auch die Ameisen anderer nahegelegener Nester eigene Transportwege anlegten und so ein Gewirr an Ameisenstraßen entstand, fanden die Ameisen ihre eigenen Wege problemlos wieder. Auch von den zahlreichen Straßenkreuzungen ließen sie sich nicht im geringsten irritieren. Wie konnte das sein?

Die Forscher vermuteten, dass bei den Ernteameisen nicht nur jede Art, sogar sogar jede einzelne Kolonie ihre Straßen mit einem individuellen Parfum, einem so genannten Spurpheromon belegt, das sie unverwechselbar macht. Wie die Forscher zusammen mit englischen Kollegen im April 2004 entdeckten, handelt es dabei um ein „Gemisch aus Kohlenwasserstoffen, dessen mengenmäßige Zusammensetzung aus Einzelbestandteilen für jede Kolonie charakteristisch ist.“

Landmarken und Sonnenstand
Doch um den Weg zurück zum Nest zu finden, reichen selbst die Spurdüfte nicht immer aus. Ameisen sind für solche Fälle gewappnet. Auf der einen Seite können sie sich gut an markante Punkte in der Landschaft erinnern, sie ermitteln aber auch anhand des Sonnenstands in Verbindung mit einer perfekt funktionierenden inneren Uhr, in welcher Richtung das eigene Nest zu finden ist.

Freie Fahrt für freie Bürger?
Forscher interessiert nicht nur, wie Ameisenstraßen aussehen und warum sie von den Ameisen genutzt werden, sie versuchen daraus auch neue Ideen für das Verkehrssystem des Menschen oder das optimale verschicken von e-Mails zu entwickeln.

„Ameisen haben ein ähnliches Verkehrssystem wie wir. Sie bauen dauerhafte Straßen, zum Teil sogar mit Leitplanken durch beiseite geräumte Hindernisse. Aber Ameisen haben keine Probleme mit Staus,“ sagt dazu Andreas Schadschneider, Stauforscher an der Universität Köln im Interview mit dem WDR im April 2004.

Dies liegt vor allem daran, dass die Ameisen alle im gleichen Tempo über ihre Straßen rennen und nicht versuchen schneller am Ziel zu sein als der Vordermann. Brems- und Beschleunigungs- und Überholmanöver, die allesamt die Unfallgefahr und damit auch die Entstehung eines Staus begünstigen werden dadurch nahezu überflüssig.

Schadschneider hält deshalb Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen oder Maßnahmen, die zum Kolonnenbildung führen, für geeignete Mittel, um dem Verkehrsinfarkt auf deutschen Straßen zu begegnen. Erste Pilotprojekte beispielsweise mit ampelgeregelten Autobahnzufahrten sind bereits erfolgreich verlaufen.

„Freie Fahrt für freie Bürger“ - Ob sich solche Vorhaben allerdings in näherer Zukunft auf Deutschlands Autobahnen politisch durchsetzen lassen, steht noch in den Sternen...

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