Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Fußballfans und Kegelbrüder
Die Masse macht's - auch beim Menschen

Im Chor grölende Fans im Fußballstadion, Stammtische, Kegelclubs, Kaffeekränzchen, Vereine oder Pauschalurlauber bei gruppendynamischen Kennenlern-Spielen: Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und fühlt sich in der Gruppe wohl.

Und nicht nur das: menschlicher Kontakt ist sogar unerlässlich, um typische Verhaltensweisen und Fertigkeiten zu erlernen. Als der 16jährige Kaspar Hauser 1828 auf dem Nürnberger Marktplatz gefunden wurde, beherrschte er durch die lange Isolation weder die menschliche Sprache, noch war er mit menschlichen Verhaltensweisen vertraut. Auch andere Primaten sind auf die Gruppe angewiesen: isoliert aufwachsende Affen entwickeln verschiedene Verhaltensstörungen.

Eine Bindung einzugehen scheint ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zu sein. Bereits im Kindergartenalter entwickeln sich in allen Kulturen Freundschaften und Beziehungen - vermutlich werden im gemeinsamen Spiel die Verhaltensweisen der Erwachsenen erprobt und geübt. Nicht zuletzt stellt die dauerhafte Isolation eine der erfolgreichsten Foltermethoden dar, selbst wenn die Betreffenden sich körperlich bester Gesundheit erfreuen.

Alleine auf die Mammutjagd? Zu gefährlich... 
Alleine auf die Mammutjagd? Zu gefährlich...
© IMSI Masterclips, MMCD
Anscheinend bringt uns die Bildung von Gruppen Evolutionsvorteile. Schon die frühen Menschen lebten in kleineren Verbänden oder Siedlungen. Vermutlich war dies eine Anpassung an die weiten savannenartigen Landschaften, in denen die Nahrung ungleichmäßig verteilt und weniger leicht aufzufinden ist. Eine Nahrungssuche zu mehreren war daher von Vorteil für die ganze Gruppe. Zusätzlich war die kooperative Jagd erfolgreicher. Ein einzelner Mensch, der ganz alleine ein großes Tier wie etwa ein Mammut angriff, brauchte schon großes Glück, um die Jagd erfolgreich abzuschließen.

Mit der Bildung von Gemeinschaften setzte auch die Arbeitsteilung ein. Da nicht die gesamte Gruppe auf die Jagd ging, konnte sich der zurückgebliebene Teil um die Aufzucht der Kinder kümmern, Nahrung sammeln und die Älteren betreuen. Die Kinder, die auf diese Weise lange Zeit mit den Eltern zusammen waren, lernten so wichtige Fähigkeiten und das Wissen ihrer Eltern - etwa welche Pflanzen giftig waren oder wie eine Speerspitze angefertigt wurde - die sie wiederum an ihre Nachkommen weitergeben konnten.

Diese frühen Verbände unserer Vorfahren waren meist kleine überschaubare Gruppen, jedes Mitglied kannte die anderen persönlich (individueller geschlossener Verband). Daher ist es nicht verwunderlich, wenn wir uns heute in einer großen Ansammlung unbekannter Artgenossen mitunter unwohl fühlen, etwa bei Massenveranstaltungen wie Konzerten, Demonstrationen oder in überfüllten U-Bahnen.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Gruppen, Rudel, Schwärme
Viele sind besser als einer
Welche Gruppen gibt es?
Bienen, Fische und Schnäppchenjäger
Nur keine Platzangst
Kein Gedrängel im Fischschwarm
Superorganismus Bienenstock
Bauarbeiter, Wachen und Klimaanlagen
Sklavinnen für die Königin?
Vorteile der Bienen-Strategie
Reisegruppen
Gesellige Zugvögel
Eine Nacktschnecke aus Amöben
Auch Einzeller können sozial sein
Fußballfans und Kegelbrüder
Die Masse macht's - auch beim Menschen
Heuschrecken-Schwärme
Wenn die Masse zur Bedrohung wird
Warum Tiger einzeln jagen
Wann ist Gruppenbildung sinnvoll?
Gemeinsame Jagd
Wenn die Beute größer ist als der Jäger
Zielscheibe Einzelgänger
Der Schutz der Gruppe
Begnadete Ingenieure
Riesige Bauwerke entstehen in Gruppenarbeit
Arbeitsteilung und Spezialisierung
Leibwächter-Ameisen, Nacktmull-Königin und Taxifahrer
Für andere aufopfern
Gruppenbildung und Altruismus als Evolutionsvorteil
Wie du mir so ich dir
"Tit for tat" und Roboter-Ameisen
Kollektive Intelligenz
Manager lernen von Ameisen
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen