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Donnerstag, 09.02.2012
Was die "Leader" sagen
Interview mit den Wissenschaftlern Chris Stringer und Milford H. Wolpoff

Was sagen die Hauptvertreter der beiden großen Hypothesen zur Herkunft des Homo sapiens? Ist die Frage nach der Entstehung des modernen Menschen geklärt? Kommt der Mensch "Out Of Africa"? Ist das Modell der "Multiregionalisten" vom Tisch? "G.O." hat die Protagonisten der beiden großen Richtungen zu den DNA-Ergebnissen von Krings und Kollegen der Arbeitsgruppe Pääbo befragt.

Chris Stringer ist Professor der paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in London und der "Leader" in der Gruppe der "Out of Africa"-Vertreter. Milford H. Wolpoff arbeitet am paläontologischen Labor der Universität Michigan und glaubt, daß der moderne Mensch sich parallel in vielen Teilen der Welt entwickelt hat? Die beiden Wissenschaftler wurden unabhängig voneinander per E-mail befragt und das Interview aus den Antworten zusammengestellt.

G.O.: Herr Stringer, Herr Wolpoff, sind die Ergebnisse der Pääbo Gruppe ein guter Beleg für die "Out Of Africa"-Hypothese?

Chris Stringer: Für sich alleine genommen beweist das Ergebnis die Hypothese natürlich nicht, weil es nur den Beleg für eine Region, nämlich Europa, darstellt. Aber es unterstützt die Ideen, daß der Neandertaler lange Zeit einen von den modernen Menschen getrennten evolutionären Weg ging, daß er nicht unser Vorfahre war, und daß unser Ursprung nicht in Europa, sondern irgendwo anders liegt. Man könnte sagen: die Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese, sie festigen sie eher, als daß sie sie beweisen.

Milford Wolpoff: Meiner Meinung nach stützen sie die "Out Of Africa"-These nicht. Die Tatsache, daß eine Eigenschaft oder eine Gen-Sequenz eines prähistorischen Menschen beim modernen Menschen fehlt, bedeutet doch nicht, daß der eine nicht des anderen Vorfahre ist. Es könnte sein, daß bestimmte Abschnitte einfach mit der Zeit verloren gegangen sind. Wenn es einen einheitlichen Unterschied zwischen der DNA der Neandertaler und unserer gibt, könnte ein ausgeprägtes Vermischen der damaligen Populationen die heutige genetische Einheitlichkeit erzeugt haben.

Chris Stringer: Die Ergebnisse unterstützen sicherlich am wenigsten die Theorie der "Multiregionalität". Zumindest nicht wie sie im allgemeinen dargestellt wird. Sie tun es deshalb nicht, weil - wenn die Neandertaler auch nur teilweise die Vorfahren der modernen Europäer wären - würden wir erwarten, daß die angeblich vorhandene morphologische Kontinuität mit einer genetischen Kontinuität einhergeht. Es wurden inzwischen Proben von Mitochondrien-DNA von tausenden Europäern genommen und es zeigte sich bei keiner einzigen eine Ähnlichkeit zu der der Neandertaler.

G.O.: Die Ergebnisse der Pääbo-Gruppe stammen von der DNA eines einzigen Neandertalers. Könnte der vorgefundene Unterschied nicht einfach Zufall sein?

Chris Stringer: Natürlich ist eine Stichprobe von einem Neandertaler wirklich extrem klein, natürlich können auch einzelne Linien aussterben wie es Milford Wolpoff behauptet. Morgen finden wir vielleicht etwas völlig Neues! Aber wenn man eine Vorhersage aus der "multiregionalen"-Hypothese ziehen kann, dann die, daß der Neandertaler den lebenden Europäern sowohl morphologisch als auch genetisch am nächsten stehen sollte. Dies ist nicht der Fall, weder was die Mitochondrien-DNA betrifft, noch was die Morphologie angeht.
Ich habe zum Beispiel gemeinsam mit Kollegen die Zähne von Neandertalern untersucht. Sie zeigten die größte Ähnlichkeit mit den Zähnen von heute lebenden Afrikanern und Australiern, aber nicht mit denen von Europäern!

Milford Wolpoff: Aber eine Abweichung in der mitochondrialen DNA bedeutet doch nicht notwendigerweise, daß es eine Auftrennung in zwei Arten gegeben hat.

Chris Stringer: Da stimme ich mit Ihnen überein. Daten der Mitochondrialen-DNA könnnen nicht zeigen, daß es sich um unterschiedliche Arten handelt. Sie repräsentieren nur seit langer Zeit getrennte mütterliche Linien. Der Grad des Unterschiedes, der gefunden wurde, ist so groß, daß er sowohl innerhalb als auch zwischen zwei Arten auftreten kann. Die Idee, daß es sich um zwei Arten handelt, basiert auf der unterschiedlichen Morphologie und Evolution des Neandertalers, aber es gibt natürlich keinen absoluten Beweis, daß der Neandertaler tatsächlich eine andere Art war als der Homo sapiens. Dies ist einfach die Meinung der Wissenschaftler und es ist auch die meine.

Milford Wolpoff: Die "Out Of Africa"-Hypothese kann aber aus einem ganz einfachen Grund nicht stimmen: sie erfordert eine Speziation und einen Flaschenhalseffekt, um eine geringe Variation der Mitochondrien-DNA zu begründen. Der genetische Flaschenhals führt aber auch zu einer geringen Variation innerhalb der Kern-DNA. Mitochondrien-DNA evolviert schneller als Kern-DNA, und sollte damit schneller eine hohe Variation entwickeln und ins Gleichgewicht kommen. Tatsächlich weist Mitochondrien-DNA heute aber eine geringe Variation auf und es ist die Kern-DNA, die stark variiert und im Gleichgewicht steht. Dies zeigt, daß es keinen Flaschenhals-Effekt gegeben haben kann. Und damit kann auch die "Out Of Africa"-Hypothese nicht stimmen.

G.O.: Mit welcher Methode oder welchem Versuch könnte denn endgültig bewiesen werden, welche der beiden Hypothesen die richtige ist?

Milford Wolpoff: Ich bleibe dabei. Auch wenn die Pääbo-Gruppe tolle Ergebnisse produziert hat, kann man damit nicht die Phylogenie des Neanderthalers klären.

G.O.: Mit welcher Methode aber denn dann?

Milford Wolpoff: Mit der althergebrachten Methode, mit der man die Phylogenie schon immer untersucht hat: Man sieht sich die Einzelheiten an, die in den den Fossilien konserviert wurden. Das heißt, man untersucht die Anatomie und zieht Vergleiche. Schließlich sind Fossilien der Beweis für Evolution. Auch wenn viele glauben, die Diskussion um die Herkunft des modernen Menschen wäre schon zu Ende, die Diskussion hat doch erst begonnen.

Chris Stringer: Meiner Meinung sind die Punkte der Evolution und der Austausch in Europa und der Levante, also dem Gebiet um das östliche Mittelmeer, relativ klar. Aber natürlich brauchen wir noch mehr Fossilien-Material aus anderen Regionen, vor allem aus praktisch unerforschten Gebieten wie Süd-Asien und Arabien. Es ist offensichtlich, daß mehr DNA vom Neandertaler und auch von frühen modernen Menschen von Nutzen ist, um zu überprüfen, wie aussagekräftig die ersten Ergebnisse sind.
Laufende DNA-Untersuchungen werden sicherlich noch großen Einfluß haben, vor allem von neu untersuchten Regionen des Genoms, wie zum Beispiel auf dem X- und Y-Chromosom. Aber, ich glaube nicht, daß das große Bild von der Abstammung aus Afrika sich noch grundlegend verändern wird. Allerding ist es noch zu früh, um auszusagen, wie absolut der Fall des daraus folgenden Ausstauschs der Arten außerhalb Afrikas war.

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