Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Eine Variante des Henne-Ei-Problems...
Streit um die Evolution der Federn

Was war zuerst da - die Federn oder das Fliegen? Lange Zeit schien die Antwort auf diese Frage ungefähr so eindeutig wie beim Henne-Ei-Problem: Fliegen ohne Federn ist nur schwer vorstellbar, da Schuppen zu schwer und unflexibel sind, um ganze Flügel oder Gleitflächen zu bilden. Andererseits sind Federn bei einem am Boden laufenden Reptil eher nachteilig, weil sie weniger gut schützen als die feste Schuppenschicht. Welchen Nutzen konnten sie gebracht haben? Bis vor wenigen Jahren steckten die Evolutionsforscher damit in einer Sackgasse.

Die Grundregeln der Evolution gaben vor, dass sich nur die Strukturen oder Verhaltensweisen entwickeln und erhalten, die dem Tier Vorteile bringen. Strukturen die das Tier benachteiligen, setzen sich nicht durch, weil ihre Träger aussterben. Und ähnliches gilt dummerweise auch für nutzlose Entwicklungen: Auch wenn sie nicht direkt hindern, kosten sie den Körper zusätzliche Energie, und stellen damit letztendlich doch einen Nachteil dar. Galt dies auch für die Federn?

Archaeopteryx 
Archaeopteryx
© University of Columbia
Einen ersten Hinweis gab Archaeopteryx, das bekannteste Bindeglied zwischen den Reptilien und den Vögeln. Das 150 Millionen Jahre alte Fossil zeigte deutlich, dass zumindest dieses erste vogelähnliche Wesen nicht nur Flügel sondern offenbar auch schon Federn hatte. Zwar debattieren Forscher bis heute darüber, ob und wie gut Archaeopteryx tatsächlich fliegen konnte, dennoch setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass der "Urvogel" vermutlich kein sonderlich eleganter Flieger war, aber prinzipiell flugfähig gewesen sein muss.

Doch wie sah es nun mit den Vorfahren des Archaeopteryx aus: Fliegen konnten sie wohl nicht, aber hatten sie bereits Federn? Die nächsten Verwandten des Archaeopteryx und damit auch der heutigen Vögel sind vermutlich kleine räuberische Dinosaurier. Lange Zeit galten alle Reptilien, und auch die Saurier als schwerfällige kaltblütige Wesen. Doch die ersten Funde von wendigen, eindeutig an eine effektive Jagd angepassten Dromaeosauriern krempelte dieses Bild um. Ähnlich wie im Film "Jurassic Park" dargestellt, waren diese Saurier offensichtlich extrem agil und aktiv. Sie jagten ihre Beute im Lauf und fingen sie mit ihren starken, speziell angepassten Vorderarmen. Woher nahm aber ein kaltblütiges Tier die dafür nötige Energie?

Diese Frage entzündete - wieder einmal - einen Expertenstreit, der bis heute anhält. Von vielen Forschern werden die Fossilienfunde als Indizien dafür gewertet, dass diese Dromaeosaurier bereits Warmblüter gewesen sein könnten. Dies würde nicht nur ihre Wendigkeit und ihren Erfolg erklären, sondern könnte auch in der Federfrage neue Erkenntnisse bringen: Waren die Dinosaurier warmblütig, hätten Tiere mit einer wärmeisolierenden Federschicht einen erheblichen Vorteil gegenüber den beschuppten oder häutigen Formen.

Den entscheidenden Durchbruch brachte ein sensationeller Fund Anfang diesen Jahres: Chinesische und amerikanische Wissenschaftler entdeckten in der chinesischen Liaoning Provinz das Fossil eines 130 Millionen Jahre alten Dinosauriers, der über und über mit primitiven Federn und Daunen bedeckt war. "Dieses Fossil verändert unsere Sicht dieser ausgestorbenen Tiere radikal," erklärt Mark Norell, Leiter der Paläontologie im amerikanischen Museum für Naturgeschichte. Der Paläontologe Ji Qiang ergänzt: "Damit ist es nicht mehr zu bestreiten, dass auch nicht-flugfähige Dinosaurier bereits eine federähnliche Körperbedeckung hatten." Das Henne-Ei-Problem scheint damit, zumindestens was die Federn angeht, gelöst...

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Das Geheimnis des Fliegens
Tierischen Flugkünstlern auf der Spur
Die Eroberung des Himmels
Den Geheimnissen des Fliegens auf der Spur
Archaeopteryx gesucht...
Rätsel um die ersten Flieger
Ein Thema mit Variationen...
Die Suche nach dem ersten Insektenflügel
Eine "Never-Ending-Story"?
Am Anfang waren die Seitenlappen - oder auch nicht...
Von Atemorganen zu Flügeln
Die Kiemen-Theorie setzt sich durch
Gleiter oder Läufer?
Wie entwickelte sich der Flug?
Das Hummel-Problem
Warum Insekten nicht fliegen dürften
Wirbel sind die Antwort...
"Flapper" und "Robofly" verraten die Geheimnisse
Perfekte Flugmaschinen der Natur...
Die Anpassungen der Vögel an das Fliegen
Das Geheimnis des Vogelflugs
Von Drehungen und Federformen...
Eine Variante des Henne-Ei-Problems...
Streit um die Evolution der Federn
Kurioses und Rekordverdächtiges...
Zahlen und Fakten zu tierischen Fliegern
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen