• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Sonntag, 28.08.2016
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Sinnlos oder biologisch notwendig?

Warum träumen wir?

Die Frage nach dem Sinn des Träumens ist schon Jahrhunderte alt - und noch immer unbeantwortet. Schon in der Antike standen sich hier zwei entgegengesetzte Auffassungen gegenüber: Während Plato in Träumen einen Ausdruck unterdrückter Begehren und Wünsche sah - und damit Sigmund Freud quasi vorwegnahm - waren Träume für Aristoteles bloße Relikte von Wacheindrücken: "Wie kleine Strudel, die in Flüssen entstehen...oft so bleiben, wie sie zu Beginn waren, oft aber miteinander kollidieren und so neue Formen annehmen."

Genau diese beiden grundsätzlichen Positionen finden sich bis heute auch in der Traum- und Schlafforschung. Während für einige Wissenschaftler auch die Trauminhalte eine biologische Funktion haben, ist der Traum für andere ein bloßes Relikt der Evolution. Sein Inhalt sei daher, so meien sie, völlig irrelevant und allerhöchstens ein Nebenprodukt der parallel dazu ablaufenden Gehirnprozesse.

Träumen, um zu vergessen?


Ein Vertreter letzterer Ansicht ist der durch seine Aufdeckung der DNA-Struktur bekannt gewordene Molekularbiologe Francis Crick. Er entwickelte gemeinsam mit Margaret Mitchison die Theorie, dass der Traumschlaf eine Art "Selbstreinigungsversuch" des Gehirns darstellt. Während des von der Außenwelt abgeschotteten Traumschlafs nutzt das Gehirn die Gelegenheit, überschüssige, "abgenutzte" Bilder, Erinnerungen oder Assoziationen zunächst aufzurufen und dann aus seinem Speicher zu löschen. Dieses "reverse Lernen" soll, so Crick, ein "Überlaufen" des neuronalen Netzes verhindern und Platz für Neues schaffen. Der Inhalt der dabei aktivierten Traumbilder sei dabei allerdings eher unwichtig.

Träumen, um zu erinnern?


Stickgold-Hypothese

Stickgold-Hypothese

Eine ähnliche Hypothese vertritt der amerikanische Schlafforscher Robert Stickgold. Für ihn dient der Traumschlaf dazu, Eindrücke aus dem "Arbeitsspeicher" des Gehirns zu verarbeiten und in das Gedächtnis zu integrieren. Dieser Prozess läuft in zwei Schritten ab: Während des Tiefschlafs "überspielt" der Hippocampus, die Hirnregion, in der die noch frischen Tageseindrücke zwischengelagert werden, seine Informationen an die Großhirnrinde, den Sitz des Langzeitgedächtnisses. Während des Traumschlafs werden diese Informationen in das Gedächtnis integriert. Anschließend schickt die Großhirnrinde einen "Löschen"-Befehl an das Zwischenlager Hippocampus, um den "Arbeitsspeicher" wieder frei zu machen. Auch in diesem Modell ist allerdings der Inhalt der Träume eher zweitrangig.

Traum als Wächter?


Eine ganz andere Theorie haben dagegen Robert Vertes und seine Kollegen vom Schlaflabor der der Universität von Northern Arizona entwickelt. Für sie dient der Traumschlaf nicht der Verarbeitung, sondern fungiert als eine Art Wächter des Gehirns: Die beim Träumen ausgesendeten und verarbeiteten internen Reize sorgen dafür, dass das Gehirn nicht komplett "einschläft".

Damit stellt der Traumschlaf gleichzeitig sicher, dass wir ohne Probleme aufwachen und dabei alle nötigen Hirnfunktionen geregelt angeschaltet werden. Werden wir dagegen beispielsweise aus dem Tiefschlaf gerissen, fehlt dieses "Warmlaufen" des Gehirns und wir sind zunächst benommen und orientierungslos. Ob allerdings die speziellen Inhalte des Träumens dabei eine eigene Funktion haben, darüber äußern sich Vertes und Co. - wohlweißlich - nicht.

Wolf

Wolf

Um so nachdrücklicher tut dies dafür Antti Revonso von der Universität Turku: Auch für ihn ist der Traum ein Wächter, dies allerdings nicht bloß im neurophysiologischen Sinne, sondern auch inhaltlich: Besonders Angst- und Bedrohungsträume, die ja einen Großteil unserer Trauminhalte ausmachen, dienten demnach unseren tierischen und menschlichen Vorfahren als Vorbereitung und Vorwegnahme realer Bedrohungen. Der Traum erlaubt es dem Gehirn, so Revonsos Hypothese, Bedrohungsszenarien und ihre mögliche Vermeidung oder Bewältigung zu "üben" und damit die Überlebenschance im Ernstfall zu erhöhen.

Träumen gegen das Trauma?


Auch für Ernest Hartmann, Leiter des Zentrums für Schlafstörungen in Boston, haben die Trauminhalte durchaus eine wichtige Funktion: Er beobachtete, das Patienten nach einem traumatischen Erlebnis, beispielsweise einem Brand, die durch dieses Ereignis ausgelösten Emotionen im Traum wieder erlebten.

Dabei veränderte sich jedoch im Laufe der Zeit der Tauminhalt: Träumten sie in den ersten Tagen noch konkret von Feuer und ihrer damit verbundenen Angst, wandelte sich das Bild und ein anderes angstauslösendes Traumbild, beispielsweise eine Flutwelle trat an die Stelle des Feuers. Noch einige Zeit später wurde dieser Alptraum wiederum durch andere, auf früheren Erfahrungen beruhende Bilder abgelöst, um dann nach einigen Wochen ganz zu verschwinden.

Nach Ansicht von Hartmann zeigt dies, dass der Traum dazu dienen kann, die neuen Emotionen und Erlebnisse in die bestehenden Erfahrungen zu integrieren und so zu verarbeiten. Der Mechanismus könnte dabei durchaus nach dem Modell von Stickgold ablaufen, mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Trauminhalt kein bloßes Nebenprodukt sei, sondern der gleichzeitigen emotionalen und psychischen Verarbeitung des Geschehenen diene.

Rätsel Traum


Dieser nur kleine Ausschnitt aus der Vielzahl der zur Zeit kursierenden Hypothesen zum Sinn des Traumschlafs und des Träumens zeigt deutlich, wie sehr die Schlafforschung in diesem Punkt noch im Dunkeln tappt. Für nahezu jede Theorie lassen sich inzwischen experimentelle Belege finden, beweisen jedoch lässt sich keine von ihnen.

Stand: 16.11.2003
 
Printer IconShare Icon