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Donnerstag, 09.02.2012
Öfter mal was Neues
Genetische Anpassungskünstler

Die Mönchsgrasmücke gehört zu den Zugvögeln und kommt fast in ganz Europa vor. Aber nicht alle Mönchsgrasmücken fliegen in das gleiche Überwinterungsgebiet. Individuen aus Ost- und Mitteleuropa fliegen bis nach Afrika. Tiere aus Frankreich hingegen ziehen zum Teil nur bis Spanien. Ähnlich sieht es beim Rotkehlchen aus: bei uns in Deutschland gibt es Tiere, die ziehen und welche, die bleiben, oder nur kurze Strecken fliegen. Mönchsgrasmücke und Rotkehlchen bezeichnet man als Teilzieher, weil bei ihnen innerhalb der Art das individuelle Zugverhalten unterschiedlich ausgeprägt ist.

Die Forscher der Vogelwarte Radolfzell konnten mit gezielten Züchtungsversuchen bei Mönchsgrasmücken zeigen, dass jeder Vogel für seine Flugdistanz ein genetisches Programm besitzt. Die Vögel also nicht nach Lust und Laune ihre Flugstrecke und Zielorte wählen. Dabei wird das Flugverhalten polygen vererbt. Das bedeutet, die quantitative Kombination von Genen bestimmt das Zugverhalten. Die Vögel haben sowohl Anlagen für Zug- als auch für Standvogelverhalten. Je größer beispielsweise der Anteil der Anlagen für Zugvogelverhalten eines Vogels ist, desto weiter fliegen er und umgekehrt. Die extremen Ausprägungen innerhalb einer Population sind folglich reine Zugvögel oder reine Standvögel. Häufiger ergibt sich dabei jedoch ein Teilzugverhalten.

Die Züchtungsversuche haben außerdem gezeigt, dass die genetische Änderung bei der Mönchsgrasmücke von Zugvogel über Teilzieher zu Standvogel und umgekehrt sehr schnell möglich ist. Modelle für die Mönchsgrasmücke, die eine extreme genetische Auslese in Richtung Standvogel annehmen, schätzen für den Übergang einer Zugvogel- in eine Standvogelpopulation eine Dauer von nur etwa 40 Jahren. Das bedeutet, dass sich die Mönchsgrasmücke in ihrem Zugverhalten schnell an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann. Aber nicht nur die Mönchsgrasmücke: da es sich im Grunde bei den meisten Vögeln um Teilzieher handelt, sind sie wahrscheinlich gleichfalls in der Lage, auf ihre Umwelt schnell zu reagieren. Das vermuten jedenfalls die Vogelforscher aus Radolfzell.

Bereits heute zieht ein Teil der mitteleuropäischen Mönchsgrasmücken nicht mehr nach Afrika und Südeuropa, sondern auf die Britischen Inseln. Sie bieten ihnen neben mildem Klima und ausreichender Nahrung vor allem einen kürzeren Flug ins Überwinterungsgebiet.

Wie die Mönchsgrasmücken haben auch die Weißstörche bereits auf die veränderten Umweltbedingungen auf ihrer Route reagiert. Einige Störche, die zunächst auf der westlichen Zugroute Richtung Gibraltar ziehen, zeigen erste Reisemüdigkeit und fliegen gar nicht mehr nach Afrika, sondern nur noch bis Spanien. Die Mülldeponien dort sorgen auch im Winter für ein ausreichendes Nahrungsangebot. Forscher vermuten, dass sie aufgrund ihres kürzeren Weges auch schneller ihr Brutgebiet in Deutschland erreichen und deshalb bereits Anfang Februar schon wieder bei uns zu beobachten sind.

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