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Freitag, 10.02.2012
Heulsusen und harte Kerle...
Frauen – das schmerzempfindlichere Geschlecht?

Männer weinen nicht und Frauen sind ohnehin viel empfindlicher und wehleidiger – aber so wurden sie ja schließlich auch erzogen. Oder sind vielleicht in Wirklichkeit die Frauen die Tapferen? Immerhin sind sie es, die mehr oder weniger stoisch monatliche Krämpfe und den Schmerz des Kinderkriegens ertragen. Welche Variante stimmt und ob Erziehung, Prägung oder vielleicht doch die Biologie die entscheidende Rolle spielt, beginnen Forscher erst in letzter Zeit langsam zu ergründen.

Östrogen 
Östrogen
© MMCD
Die Forscher der Universität von Michigan beispielsweise entdeckten in ihrem Experiment zur individuellen Schmerzreaktion Verblüffendes: Von den knapp 30 Probanden ihres Experiments waren es vor allem die Männer, deren Schmerzhemmsystem auf Hochtouren lief. Die 14 Frauen dagegen hatten nicht nur subjektiv mehr Schmerzen, ihre Endorphin-Ausschüttung war während des Schmerzreizes sogar gesunken anstatt anzusteigen wie erwartet.

Alles nur eine Sache der Hormone...?
Wie war das zu erklären? Waren die Hormone schuld? Alle Frauen waren zum Zeitpunkt des Versuchs in einer Phase ihres Menstruationszyklus, in dem das Geschlechtshormon Östrogen auf seinem monatlichen Tiefpunkt stand. Wurde dadurch vielleicht auch die Schmerzhemmung geschwächt? Zubieta testete dies, indem er den Versuch mit Frauen in einem anderen Zyklusstadium wiederholte und zusätzlich mit Frauen, die östrogenhaltige Hormonpräparate einnahmen.

Und tatsächlich: Die PET-Aufnahmen zeigten nicht nur eine deutlich stärkere Ausschüttung der körpereigenen Hemmstoffe, auch die Zahl der aufnahmefähigen mu-Opioidrezeptoren war bei diesen Frauen höher, ihr subjektives Schmerzempfinden dagegen gesunken. „Diese Ergebnisse, die auch durch größere Studien bestätigt wurden, deuten auf einen machtvollen Einfluss der weiblichen Hormone auf die Stress- und Schmerzreaktionen hin“, erklärt Zubieta.

Rote Haare sind Trumpf...
Doch Frauen sind keineswegs immer die „Zimperlicheren“, im Gegenteil. Im März 2003 entdeckten amerikanische Wissenschaftler ein Schmerz- und Hemmsystem, dass so offenbar nur im weiblichen Gehirn existiert. Die entscheidenden Bindungsstellen für diesen „Pathway“, so genannte kappa-Opioidrezeptoren, werden wahrscheinlich durch ein Gen namens Mc1r kodiert, das ursprünglich überhaupt nicht mit neurologischen Phänomenen in Zusammenhang gebracht worden war – es ist für helle Haut und Rothaarigkeit verantwortlich.

 Der klassische Typ: Rote Haare und helle Haut
Der klassische Typ: Rote Haare und helle Haut
© MMCD
Bei Frauen allerdings bewirkt es weitaus mehr als nur Pigmentveränderungen, wie ein Versuch an der McGill Universität zeigte: Pentazocine, ein Schmerzmittel, das ausschließlich an kappa-Opoioidrezeptoren bindet, hatte bei Männern überhaupt keinen Effekt, egal, welche Variante des Gens Mc1r sie in sich trugen. Frauen dagegen reagierten völlig unterschiedlich auf das Präparat: „Während wir noch glaubten, Schmerz müsse für Frauen aller Haarfarben gleich sein, haben unsere Versuche eindeutig gezeigt, dass Frauen mit roten Haaren viel besser auf das von uns getestete Schmerzmittel ansprachen als jeder andere – einschließlich der Männer“, beschreibt Versuchsleiter Jeffrey Mogil sein Erstaunen.

Emotional, aber nicht hilflos...
Inzwischen haben Schmerzforscher noch einige andere biologische Unterschiede im Schmerzverhalten beider Geschlechter entdeckt, darunter genetisch bedingte, hormonelle, aber auch in der Gehirnaktivität begründete: Im November 2003 enthüllten PET-Aufnahmen der Universität von Kalifornien, dass im weiblichen Gehirn ein Großteil der Schmerzverarbeitung im Limbischen System stattfindet, dem Sitz der Gefühle. Bei Männern dagegen sind die analytischen Zentren der Hirnrinde aktiver. Nach Ansicht der Forscher um Bruce Maliboff erklärt dies, warum sich Frauen eher emotional mit Stress und Schmerz auseinandersetzen, während Männer eher zu rationalen Reaktionen neigen.

Gleichzeitig zeigen die Forschungen jedoch auch, dass der Einfluss von Psyche und kultureller Prägung deshalb keineswegs weniger wichtig ist. Im Gegenteil: Frauen fühlen Schmerz nicht nur anders als Männer, sie gehen auch anders mit ihm um. Tests an chronischen Schmerzpatienten haben gezeigt, dass Frauen häufig von sich aus Bewältigungsstrategien entwickelten, die die negativen emotionalen Auswirkungen ihrer Schmerzen verringerten. Männer dagegen leiden ziemlich hilflos vor sich hin...

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