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Freitag, 10.02.2012
Der entkrümmte Rhein
Menschlicher Einfluss

Bei Hochwasser stoßen buchstäblich Welten aufeinander: Auf der einen Seite die natürliche Dynamik des Flusses, auf der anderen Seite die Landschaftsnutzung durch den Menschen. Bereits seit Jahrhunderten weiß der Mensch die Vorzüge der Flüsse als Schifffahrtswege und die Auenböden als fruchtbare Ackerflächen zu schätzen. Immer näher rückt der Mensch daher an die Flüsse heran – und versucht sich gleichzeitig vor der Kraft des Hochwassers zu schützen.

Flussbegradigungen, Uferbefestigungen, Staustufen, Eindeichungen, Ausbaggerungen der Fahrrinne, Schleusen und Hebewerke sind nur einige der Schlagworte, mit denen sich der menschliche Einfluss auf den natürlichen Verlauf des Rheins beschreiben lässt. Spätestens seit der Begradigung des Oberrheins im 19. Jahrhundert gilt die Zähmung der Natur als Ingenieurskunst und technische Meisterleistung: Aus dem ehemals verschlungenem Rheinverlauf wurde ein mehr oder weniger eingedeichter Kanal, der nur seine großen Mäanderbogen beibehalten durfte. Gründe für diese Korrektur gab es damals genug: Verbesserung des Schifffahrtsweges, Verminderung der lokalen Hochwassergefahr, Beseitigung der Auensümpfe als Krankheitsherde und natürlich die Gewinnung von Siedlungsfläche.

Gerade mal ein Fünftel der ursprünglichen Talaue des Rheins ist heute verblieben. Vielerorts wurde die potenzielle Überflutungsfläche von mehreren Kilometern Breite auf das durchschnittlich zweihundert Meter breite Flussbett beschränkt. Die Fläche reduzierte sich damit allein in Nordrhein-Westfalen von 1.800 auf 300 Quadratkilometer. Und das macht sich bei jedem Hochwasser erneut bemerkbar. Denn Auen fungieren als natürliche Wasserspeicher und können bei Überschwemmungen einen großen Teil der Wassermassen „zwischenlagern“. Doch beim Rhein und vielen seiner Nebenflüsse hat der Mensch diesen natürlichen Hochwasserschutz zerstört. Fehlender Retentionsraum heißt das im Wissenschaftsdeutsch. Auf den eingedeichten Flussniederungen zerschneiden nun Straßen und Eisenbahnlinien die ehemaligen Auwälder und Landwirte bestellen die fruchtbaren Schwemmböden als Ackerland.

Hinzu kommt, dass das Wasser im Rhein heute schneller fließt als früher. Denn die Flussbegradigungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben den Oberrhein um 82 Kilometer und den Niederrhein um 23 Kilometer verkürzt. Entsprechend größer sind das Gefälle und die Fließgeschwindigkeit geworden. Nur 25 Stunden benötigt heute noch eine Welle von Basel nach Karlsruhe, fast 40 Stunden weniger als noch Mitte des 20. Jahrhunderts. Dadurch ist auch die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die Flutwellen aus Rhein, Neckar und Mosel zusammentreffen. Paradoxerweise wurden diese Begradigungen damals aus Gründen des lokalen Hochwasserschutzes durchgeführt – und doch erreichte man damit auf lange Sicht das genaue Gegenteil.

Entsprechend müssen heutzutage die bestehenden Deichanlagen verstärkt werden. Ihr Zweck ist es, sich der Abflussdynamik der Flüsse entgegenzustellen, sie einzudämmen und in feste Schranken zu verweisen. Doch bei möglicherweise steigender Häufigkeit von Niederschlägen aufgrund einer Klimaerwärmung könnten auch diese bald an ihre Leistungsgrenze stoßen. Schon heute ist ein Deich am Niederrhein bis zu dreizehn Meter hoch. Und häufig trotzdem zu niedrig. Daher gehen die Bemühungen dahin, dem Rhein seine ehemaligen Überflutungsflächen als natürlichen Hochwasserschutz wieder zurückzugeben.

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