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Freitag, 10.02.2012
Jeder Zentimeter zählt
Eine (fiktive) Pegel-Tour

Herr Müller ist neugierig. Und irgendwie auch fasziniert. Sein Freund hat ihn nach Köln eingeladen. Mal Großstadt-Luft schnuppern und schauen, was vom Rhein so übrig ist. Denn es ist September 2003, der Fluss hat historisches Niedrigwasser: Gerade mal achtzig Zentimeter Wassertiefe sind vom sonst so mächtigen Strom übriggeblieben. Unfassbar, denkt sich Herr Müller, dass es in einem Vierteljahr vielleicht wieder „Land unter“ heißen könnte. Dann nämlich, wenn der Rhein – wie schon so häufig – im Frühjahr auf über zehn Meter Wasserhöhe anschwillt.

Überflutete Straße 
Überflutete Straße
© DLRG
„Bis hier etwa hat damals das Wasser gestanden“, erklärt ihm sein Freund und zeigt auf eine Plakette an der Hauswand. „Und du kennst das ja, nicht so schön sauber wie aus dem Wasserhahn. Eine echte Drecksbrühe war das“. Die beiden stehen in der Kölner Altstadt und sind auf Spurensuche. „Tagelang haben wir gezittert, ob die mobilen Schutzwände halten würden. Doch 10,69 Meter waren einfach zuviel. Ein echtes Jahrhunderthochwasser“. Herr Müller schaudert und blickt auf das trockene Kopfsteinpflaster zu seinen Füßen. „Und die kommen anscheinend immer öfter“, so sein Freund. „1926, 1993 und 1995 – bald müssen die wohl in Jahrzehnthochwasser umbenannt werden“, bemerkt er grimmig. Doch auf diese brisante Diskussion will sich Herr Müller augenblicklich nicht einlassen. Denn über die möglichen Ursachen der Hochwasserextreme hatte ihn unlängst sein Sohn aufgeklärt: Schlagworte wie „Klimawandel“, „Flussbegradigung“ und „Rache der Natur“ sind ihm noch allzu deutlich im Gedächtnis geblieben.

Viel interessanter findet er die Kölner Pegeluhr. Denn die zeigt immer den aktuellen Wasserstand des Rheins und lässt sich wie eine richtige Uhr ablesen: Der kleine Zeiger weist auf die vollen Meter, der große hingegen auf die Dezimeter. Doch kurioserweise bedeutet der Pegelstand ”Null” nicht, dass der Rhein kein Wasser mehr führt. Vielmehr ist dann in der Fahrrinne auf mindestens 150 Meter Breite noch wenigstens ein Meter Wasser im Fluss. Häufig führt dies zu Missverständnissen. Auch ein Fahrverbot gibt es bei Niedrigwasser nicht, denn dann ist jeder Schiffer für seine Sicherheit selbst verantwortlich.

Ganz anders verhält sich das jedoch bei Hochwasser. „Hier in Köln ist bei 8,40 Meter Schluss“, erklärt ihm sein Freund. „Dann ist die Hochwassermarke II erreicht und es gilt absolutes Fahrverbot auf dem Rhein“. Das war im Januar 2003 das letzte Mal der Fall. 9,71 Meter hieß es damals. Wäre der Wasserstand noch um weitere neun Zentimeter gestiegen, dann hätte auch noch der Rheinufertunnel gesperrt werden müssen. Verkehrschaos inklusive.

 Abgesperrte Straße
Abgesperrte Straße
© DLRG
Die Katastrophenpläne der Stadt Köln geben ganz genau vor, bei welchen Wasserständen welche Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen. Bei 6,20 Meter wird beispielsweise die Hochwassermarke I ausgerufen: Die Schiffe dürfen nun nur noch in der Mitte des Stroms und verlangsamt fahren. Und ab 6,60 Meter werden im Süden von Köln die ersten Schutztore zwischen offenen Deichbereichen geschlossen. Mit steigendem Pegel müssen auch immer mehr Hochwasserpumpwerke in Betrieb genommen und Kanalsysteme abgeschottet werden. Denn das Rheinwasser steht in engem Kontakt zum Grundwasser und drückt dieses hinter den Deichen nach oben. „Richtig kritisch wird es allerdings erst ab 7,50 Meter. Denn dann ist die Wohnbevölkerung in Köln-Rodenkirchen gefährdet. Und ab acht Meter ist die Rheinuferpromenade weg“, weiß Herr Müllers Freund zu berichten. „Dann wird auch schon bald die mobile Schutzwand für die Altstadt aufgebaut. Bis zehn Meter hält die alles ab“.

Herr Müller weiß nicht so recht, ob er sich nun sicher oder beunruhigt fühlen soll. Jedenfalls bleibt ihm Hochwasser irgendwie unheimlich. Denn er weiß, dass der höchste beglaubigte Wasserstand des Rheins in Köln bei nahezu unglaublichen 13,55 Meter im Jahre 1784 lag. Kaum auszudenken, welche Schäden solch ein Hochwasser heutzutage anrichten würden. Die Evakuierungspläne für solch eine Katastrophe liegen bereits in der Schublade: Ab elf Meter Pegel müssten 180.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Doch statistisch gesehen kommt solch ein Jahrtausendhochwasser in den nächsten Jahrhunderten nicht mehr vor. Aber verlassen kann man sich darauf leider nicht...

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