Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Von Friedrich II. und Goethe
Deichgeschichte(n)

Am Niederrhein ist sie noch in Erinnerung, die Flut von 1809. Über 300 Gebäude wurden zwischen Emmerich und Kleve zerstört, 22 Menschen fanden den Tod, unter ihnen auch Johanna Sebus. Deren Name wäre sicherlich in Vergessenheit geraten, wenn ihr nicht der von ihrer selbstlosen Tat tief bewegte Goethe ein poetisches Denkmal gesetzt hätte. Denn Johanna rettete mit dem Mut der Verzweiflung mehrere Menschen aus der nächtlichen Flut – und kam selbst dabei ums Leben.

„Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
Die Fluten spülen, die Fläche saust.
`Ich trage dich Mutter, durch die Flut,
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.´“


Leben am Fluss 
Leben am Fluss
© IMSI MasterClips
Tragisch aber auch zeitlos erscheint uns heute, zweihundert Jahre später, dieses Ringen der Menschen mit der Naturgewalt Hochwasser. Ohne Frühwarnsysteme und häufig mit zu niedrigen oder zu schwachen Deichen forderten die jährlichen Überschwemmungen allzu oft Menschenleben oder vernichteten die lebensnotwendige Ernte. Die Eindeichung des Rheins mag aus heutiger Sicht viele Nachteile mit sich gebracht haben, aber für die damaligen Menschen waren sie sicherlich eine lebensrettende Errungenschaft.

„Der Damm verschwand, ein Meer erbrausts,
Den kleinen Hügel im Kreis umsausts.
Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund,
Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;“


Die ersten Deichanlagen des Niederrheins ließ ein Klever Graf im 13. Jahrhundert errichten. Diese frühen Deiche ähnelten allerdings eher kleinen Wallanlagen und sind mit den heutigen Bollwerken nicht zu vergleichen. Zudem waren bis Mitte des 18. Jahrhunderts diese Eindeichungen lokal begrenzt. Nur wenn ein Fürst es für nötig hielt oder sich die betroffene Bevölkerung zu Deichverbänden zusammenschloss, konnten Dörfer und Felder geschützt werden. Ansonsten siedelten die Menschen auf natürlichen Erhebungen oder mussten die wiederkehrenden Ernteeinbußen hinnehmen.

„Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
Da nehmen die schmeichelnden Fluten sie auf.
Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
Bezeichnet ein Baum, ein Turm den Ort.“


 Deiche als Schutz
Deiche als Schutz
© IMSI MasterClips
Erst Friedrich II. erließ 1767 als preussischer König das „Clever Deichreglement“ zur Vereinheitlichung des Deichbaus. Die lokal vorhandenen Schutzwälle wuchsen in den folgenden Jahren zu einer langen Deichlinie, die den gesamten Niederrhein schützen sollte. Doch schon 1784 wurde dieses technisch und organisatorisch ehrgeizige Projekt in Frage gestellt: ein verheerendes Winterhochwasser durchbrach den Deich an 118 Stellen: Sowohl der Altmarkt in Köln als auch weitere 14 Städte und 18 Dörfer standen unter Wasser. Über 1.000 Menschen mussten damals ihr Leben lassen. Die weitere Besiedlung des Niederrheins erschien jedoch ohne Deiche unmöglich, so dass Preussen die staatliche Förderung des Deichbaus einführte. Durch ständige Pflege, Erhöhung und Ausbesserungen konnte die Deichanlagen ständig verbessert werden. Seit 1926 ist der Niederrhein von Deichbrüchen verschont geblieben. Und hoffentlich bleibt auch in Zukunft das tragische Schicksal einer Johanna Sebus nur noch in Goethes Versen präsent.

(In Fett: Auszüge aus Goethes Gedicht "Johanna Sebus")

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Hochwasser am Rhein
Alle Jahre wieder
Bescherung durch „Vater Rhein“
Das Hochwasser von Weihnachten 1993
Wenn es in den Rhein regnet
Entstehung des Hochwassers
Jeder Zentimeter zählt
Eine (fiktive) Pegel-Tour
Der entkrümmte Rhein
Menschlicher Einfluss
Prävention durch Retention
Rückverlegung der Deiche
Technischer Hochwasserschutz
Mehr als nur auf Sand gebaut
Von Friedrich II. und Goethe
Deichgeschichte(n)
ELWIS lebt
Ein Frühwarnsystem mit Zukunft
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen