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Donnerstag, 19.10.2017
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Was Gesichtszüge über Charakter und Stimmung verraten

Physiognomie

Wer aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht Nachteile erfährt, wird diskriminiert. Besonders problematisch wird dies zum Beispiel bei Bewerbungen, da die Personalmanager häufig am längeren Hebel sitzen. Vom äußeren Erscheinungsbild auf das Innere, auf Fertigkeiten oder Charaktereigenschaften zu schließen, ist eine sehr menschliche Eigenschaft, die aber nur sehr selten gerechtfertigt ist. Blondinen sind nicht ganz so helle im Kopf und Menschen mit langen Nasen lügen gerne – Vorurteile gibt es viele. Perfide wird es allerdings, wenn die Physiognomie eines Menschen bei wichtigen Entscheidungsfragen in Beruf und Alltag eine Rolle spielt.
Der äußere Eindruck hat großen Einfluss auf den Erfolg.

Der äußere Eindruck hat großen Einfluss auf den Erfolg.

Das Aussehen bestimmt das Leben eines Menschen mehr, als es manchem lieb sein kann. Hübsche und attraktive Menschen besitzen hierbei selbstverständlich einen Vorteil. Gemeinhin geht man davon aus, dass schöne Exemplare des Homo sapiens intelligenter und erfolgreicher im Leben seien, hingegen weniger attraktive Personen meist eher kränklich und inkompetent wirken. Aber woran liegt das?

Hübsche Menschen sind erfolgreicher


Paul Kobel, ein selbsternannter Gesichtsleser und Physiognom, spricht in diesem Fall von einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“: Wer aufgrund seines äußeren Erscheinungsbilds seit Anbeginn der Kindheit dieselben Reaktionen auf sein äußeres Erscheinungsbild erhält, werde hierdurch geprägt. Menschen, die also viel Zuspruch erhalten, würden selbstbewusster, hätten mehr Freunde und würden eine höhere Sozialkompetenz entwickeln. Bei anderen hingegen, die gehänselt werden und eher isoliert aufwachsen, würden diese Eigenschaften fehlen.

So lautet zumindest die Theorie, konkrete wissenschaftliche Belege fehlen für diese These allerdings, auch wenn sie auf den ersten Blick nachvollziehbar erscheint. Eine Studie der Leuphana Universität in Lüneburg belegt aber, dass attraktivere Menschen zumindest beruflich häufig bessergestellt sind, bessere Chancen bei Bewerbungsgesprächen haben, mehr verdienen und seltener arbeitslos sind.

Obskure Personalentscheidungen mithilfe der Psychodiagnostik


Unter Gelehrten und Akademikern gilt die Physiognomie, wie auch viele andere Sparten der Psychodiagnostik, als Pseudo-Wissenschaft. Die Physiognomie versucht, aus menschlichen Gesichtszügen konkrete Charaktereigenschaften abzuleiten. Auch wenn es für die Wirksamkeit dieses Vorgehens aus wissenschaftlicher Sicht nur wenige Belege gibt, hindert dies viele Entscheidungsträger nicht, Kriterien der Physiognomie, Graphologie oder Namenspsychologie in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen.

• Psycho-Physiognomik


Sie ist eine der ältesten psychodiagnostische Disziplinen, die bereits bei Aristoteles Anwendung fand. Gemeinhin wird sie auch als „Schädeldeutung“ beschrieben. Die größten Vorantreiber dieser Pseudo-Wissenschaft waren der Portraitmaler Carl Huter sowie Franz Joseph Gall im 19. und 20. Jahrhundert. Huter unterteilte das Gesicht in Deutungsareale und entwickelte durch subjektives Augenmaß tausende von Charakterisierungstypen für Ohren, Nasen oder Augen.

Franz Joseph Gall hingegen unterteilte das Gehirn in Areale. Jedes einzelne von diesen sei für spezifische Charaktereigenschaften verantwortlich. Durch die Ausprägung der Areale entstünde ein Innendruck gegen die Schädeldecke, sodass sich durch die Kopfform der Charakter des Menschen ablesen lasse. Die TÜV Kraftfahrt GmbH nutzt die Physiognomik für Personalentscheidungen und zur Potentialanalyse von Mitarbeitern, und 2010 bot die IHK Schädeldeutungsseminare für Mitglieder an.

• Graphologie


Bei dieser einige Jahrhunderte alten Disziplin sollen aus dem Schriftbild eines Menschen Charaktereigenschaften abgelesen werden können. Empirisch betrachtet ist dieses Vorgehen jedoch nicht stichhaltig, denn Forschungen konnten bislang keine Hinweise auf die Wirksamkeit dieses Forschungsgebiets liefern.

Der Psychologieprofessor Heinz Schuler schätzt, dass circa 2,4 Prozent aller Unternehmen bei der Auswahl neuer Mitarbeiter auf die Graphologie zurückgreifen. Wer bedenkt, dass sich bei manchen Unternehmen mehrere tausend Bewerber zusammenfinden, kann sich ausmalen, wie viele Menschen womöglich keinen Job erhielten, weil den Personalern die Handschrift des Bewerbers vermittelte, dass dieser untalentiert, faul oder beruflich niemals erfolgreich sein werde.

• Namenspsychologie


Diese Pseudo-Wissenschaft ist erst wenige Jahre jung und geht auf Frau Angelika Hoefler zurück. Sie ist der Meinung, dass die Abfolge von Buchstaben sowie der Name einer Person Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften von Menschen sowie deren Schicksal zuließen. Grundannahme bildet ihr Glaube an die Wiedergeburt, durch welche die Menschen Einfluss auf die Namenswahl ihrer Eltern nehmen könnten.

Auch wenn diese Begründung auf den ersten Blick nicht haltbar erscheint, spielt die Namenspsychologie bei Menschen zumindest unterbewusst eine Rolle. Die Universität Oldenburg konnte herausfinden, dass Lehrer gegenüber Kindern mit bestimmten Namen persönliche Vorurteile hegen. Ein Maximilian beispielsweise werde unterbewusst als leistungsstark, ein Kevin hingegen als leistungsschwach eingestuft.

Einige Wirtschaftsunternehmen nutzen die Namenspsychologie angeblich, um nach neuen Namen für anstehende Firmengründungen zu suchen. Angeblich kommt die Namenspsychologie auch bei Bewerbungsauswahlverfahren mancher deutschen Unternehmen zum Einsatz.

Kann man Lügen wirklich an der Nase erkennen?

Kann man Lügen wirklich an der Nase erkennen?

Mimik und Gestik – kann man Gefühle lesen?


Abseits dieser obskuren Wissenschaften gibt es allerdings auch seriöse Forschungsansätze, die Belege dafür liefern können, dass vom Äußeren des Menschen durchaus auf das Innere, im Speziellen auf Emotionen, geschlossen werden kann. Ansätze liefert insbesondere die Emotions- und Gesichtsforschung.

Populärwissenschaftlich sorgte der renommierte US-Psychologe Paul Ekman für Aufsehen, auf dem übrigens die Fernsehserie „Lie to me“ beruht. Der Wissenschaftler untersuchte über Jahre hinweg die Gesichtszüge von Menschen auf der gesamten Welt und stellte fest, dass die Mimik bei bestimmten Emotionen kulturunabhängig immer dieselbe sei.

Paul Ekman hat sich zu einem Spezialisten auf diesem Gebiet entwickelt und stand sogar in den Diensten des US-amerikanischen Geheimdienstes. Hier war er unter anderem damit betraut, Politiker und Strafgefangene hinsichtlich dessen zu analysieren, ob sie die Wahrheit sagen oder lügen.

In seinem Buch „Gefühle lesen“ weist er darauf hin, dass Menschen spontane Emotionen und deren Ausdruck im Gesicht nicht kontrollieren könnten. Ursache hierfür seien evolutionsbedingte Affektprogramme, die emotionsabhängige Impulse an das autonome Nervensystem senden. Durch kleinste Bewegungen der Gesichtsmuskulatur ließe sich somit bei den meisten Menschen sehr präzise ablesen, was sie gerade fühlen, wie authentisch der Gefühlsausdruck ist oder ob sie ein Gefühl nur vorspielen, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Das Wissen darüber kann gerade im Alltag oder auch im Beruf verräterisch, aber auch sehr hilfreich sein.

In diesem Artikel zur Business-Etikette wird ein hierzu sehr treffendes Phänomen geschildert: „Der Übergang von einer eigentlich positiven Eigenschaft in Richtung Grenzüberschreitung kann manchmal in Nuancen liegen. Stichwort: selbstsicheres Auftreten.“ Zu wissen und kontrollieren zu können, wie man selbst auf andere durch seine Mimik und Gestik wirkt, kann also durchaus Vorteile haben – wenn man denn weiß, wie die eigenen Emotionen und Reaktionen im Zaum gehalten oder derartig manipuliert werden können, dass andere Menschen uns so wahrnehmen, wie wir das gerne hätten. Es kommt eben auf die Nuancen an.

So lassen sich Emotionen und Reaktionen kontrollieren


Die Kontrolle von Gefühlen wie Zorn, Freude oder Angst ist selbstverständlich nicht nur deswegen wichtig, weil manche Menschen ihr Innerstes nicht offenkundig jedem zeigen möchten. Auf der Arbeit ist es auch eine Frage des Anstands, seinem Chef nicht unmittelbar zu signalisieren, dass man mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist oder dem Kollegen nicht ungewollt zu suggerieren, dass man diesen eigentlich gar nicht mag.

Bestenfalls werden die grundsätzlichsten Umgangsformen im menschlichen Miteinander bereits von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Allerdings muss dies nicht immer der Fall sein, sodass die Frage bleibt, inwiefern es auch Menschen möglich ist, ihr Verhalten, ihre Reaktionen und Emotionen zu kontrollieren, die nicht aus einer strengen Kinderstube stammen. Paul Ekman gibt hierfür folgende Tipps:

• Eine emotionale Reaktion, die sich im Gesicht äußert, lässt sich meistens durch den Versuch auflösen, eine Situation neu zu bewerten. Die Schwierigkeit hierbei liegt in dem Bestreben, eine andere sichtbare Reaktion hervorzurufen, obwohl man die anfängliche Emotion eigentlich als gerechtfertigt empfindet.

• Gelingt es einem nicht, die unwillkürliche Emotion willentlich zu kontrollieren, so wird Achtsamkeit empfohlen. Durch das Bewusstwerden des eigenen Empfindens sei es möglich, die Gesichtsmuskeln und Stimme zu entspannen, auch wenn noch immer eine starke innere Emotion vorherrschen sollte.

• Zu guter Letzt ist Achtsamkeit ein wichtiger Punkt. Auch wenn sich Gefühle und Mimik womöglich nicht eindämmen lassen, ist es noch immer eine Frage der persönlichen Entscheidung, welche Handlungen und Worte in die Tat umgesetzt werden.

Menschen können Emotionen in bis zu 7.000 verschiedenen Gesichtsausdrücken darstellen.

Menschen können Emotionen in bis zu 7.000 verschiedenen Gesichtsausdrücken darstellen.

Das Deuten von Grundemotionen


Die Emotions- und Gesichtsforschung unterscheidet insgesamt zwischen sieben verschiedenen Grundemotionen: Trauer, Zorn, Überraschung und Angst, Ekel und Verachtung sowie Freude. Jede dieser Emotionen ist einem Menschen mehr oder weniger ins Gesicht gemeißelt. Aktuell wird davon ausgegangen, dass jede dieser Empfindungen eine konkrete Mimik zugeordnet werden kann. Dies mit bloßem Auge zu erkennen, ist natürlich sehr schwierig, zumal sich einige Gesichtszüge und Muskelzuckungen in Millisekunden abspielen, die kaum für das menschliche Auge wahrnehmbar sind.

Problematisch ist diesbezüglich ebenfalls der Umstand, dass die Grundemotionen zum Teil sehr facettenreich sein können. Besonders bei positiven Empfindungen ist dies zu erkennen. Wer sich freut, der tut dies womöglich aus Gründen der Belustigung oder weil er erleichtert ist, aus sexueller Erregung heraus oder aufgrund von Enthusiasmus. Nichtsdestotrotz können einige grundsätzliche Gesichtszüge Ekman zufolge eindeutig bestimmten Emotionen zugeordnet werden:

Trauer und Verzweiflung:
• geöffneter Mund
• nach unten gezogene Mundwinkel bei hochgezogenen Wangen
• Blick nach unten und gesenkte Oberlider

Ärger und Zorn:
• zusammengezogene und nach unten zur Nase gerichtete Augenbrauen
• Oberlider richten sich zu den Augenbrauen aus
• weit aufgerissene und starr nach vorn blickende Augen
• angespannte und zusammengepresste Lippen

Überraschung und Angst:
• angehobene Oberlider und angespannte untere Augenlider
• stark erhobene und zusammengezogene Augenbrauen
• entspannter Kiefer und horizontal angespannte Lippen
• starr geradeaus gerichteter Blick

Ekel und Verachtung:
• gerümpfte Nase
• angehobene und leicht vorstehende Oberlippe
• entspannte Augenlider

Freude:
• lächelnder Mund
• wahrnehmbare Lidfalte unter den Augenbrauen

Die Übersicht bietet nur grundlegende Informationen darüber, welche Gesichtszüge mit welchen Emotionen in Verbindung stehen. Der Mensch ist imstande, bis zu 7.000 unterschiedliche Gesichtsausdrücke zu erzeugen. Dies zeigt, wie schwierig es sein kann, einem Menschen im Gesicht abzulesen, was und wie intensiv er etwas wirklich empfindet.

Korrekt mit anderen Menschen umgehen


Wer sich selbst vor einen Spiegel stellt und versucht, bestimmte Gesichtsausdrücke manuell zu erzeugen, wird schnell feststellen, dass dies nur schwierig möglich ist. Eine gute Übung, um sein Gespür für sehr feine Gesichtszüge zu schulen, ist dies aber trotzdem. Und es kann im Umgang mit anderen Menschen helfen.

Wer am Gesicht eines anderen Menschen ablesen kann, wie derjenige auf eine bestimmte Situation oder Handlung reagiert, kann seine eigene Reaktion besser auf die Person abstimmen. Dies kann zum Beispiel auf der Arbeit unter genervten Kollegen hilfreich sein, in einer Beziehung mit dem gestressten Partner oder in der Erziehung des eigenen Kindes.

Die Emotions- und Gesichtsforschung zeigt auf, dass der Alltag trotz der menschlichen Vernunftbegabung noch stark von unwillkürlichen Emotionen und Reaktionen geprägt ist. Dies gilt auch für andere Bereiche: Aus Farben von Kleidung schließen manche Menschen ganz automatisch auf Stil, Kompetenz oder Seriosität, aus einer aufrechten Sitzhaltung mögen vermeintliche Schlüsse über das Selbstbewusstsein einer Person gezogen werden. Ebenso wichtig wie Einfühlungsvermögen und genaues Hinsehen bei anderen ist es aber auch, einen Menschen nicht einzig und allein nach dem Äußeren zu beurteilen. Denn dies hat wirklich Stil.
( , 11.09.2015 - AHD)
 
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